21. Juni – Kühler Mittsommer-Tag auf den Orkneys

P1120330Keine echtes Mittsommer-Wetter, nur 13°C, aber immerhin trocken, kurz vor 9.00 Uhr.

Auf dem Weg wurde noch ein Sack Wäsche in die örtliche Laundry gebracht, nach einer Woche mit kleinem Gepäck waren die Vorräte an sauberen T-Shirts, Polos und Unterwäsche ziemlich geschrumpft. 

In der Laundry wurde ich mal wieder mit den Feinheiten der schottischen Sprache konfrontiert, die mich regelmäßig vor Rätsel stellt. 
“Any daags?” bellte die sehr resolute Wäscherin. Ich tappte total im Dunkeln … Das klang wie “Any dogs” … Aber dass ich keine Hunde in meiner Wäsche hatte, war ja wohl ziemlich offensichtlich 😉

Es stellte sich heraus, das sie wissen wollte, ob die Wäsche gleichfarbig sei oder eventuell irgendwelche dunklen (dark) Stücke dazwischen seien. “You in a hurry??” wollte sie dann wissen – also, ob die Wäsche noch am selben Tag oder erst am folgenden fertig sein sollte. Irgendwie einigten wir uns, morgen um 9 Uhr können wir alles sauber und trocken abholen.

Schottisch ist manchmal sehr verwirrend – als wir in einem Restaurant einen Tisch reservieren wollen (leider sind “normale” Pubs in Schottland z.T. Mangelware, und in vielen Restaurants muss man entweder reservieren oder bis zu einer Stunde in der Bar oder sonstwo auf einen Tisch warten), hieß es, es sei ein Tisch um “half six” frei. Halb sechs fand ich dann allerdings doch ziemlich früh – es bedeutete aber letztlich 18:30 (mit der Option, bis zu 20 Minuten später zu kommen!).

Nachdem wir die Wäsche los waren, ging es zügig nach John o’ Groats, von wo die Fähren zu den Orkneys abfahren. Heather hatte gestern Abend noch telefonisch Tickets für die Bustour für uns reserviert, wir hatten uns ausnahmsweise für eine Touristentour entschieden – ein Tagestrip mit dem eigenen Auto auf der Fähre wäre horrend teuer gewesen . Außerdem konnte Dieter so auch mal einen Tag lang einfach die Landschaft genießen.
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John o’Groats ist so ziemlich das nördlichste Eck des britischen Festlands an der Ostküste. Außer einer Anlegestelle für die Fähre und ein paar Andenkenläden ist nicht viel los dort.

Um 10.30 fuhren wir los. Unter Deck war es uns zu stickig, also trotzten wir den arktischen Temperaturen und dem heftigen Wind und setzen uns aufs Deck.

Wir waren dort nicht allein – nicht nur ein Fahrrad leistete uns dort Gesellschaft, sondern auch einige widerstandsfähige Briten …

Die Orkneys (das “s” am Ende darf  man keinesfalls aussprechen, sollte stets nur “Orkney Isles” sagen) empfingen uns freundlich: Wolkig, aber trocken. Die Bewohner nennen sich “Orkanians” – klingt ein bisschen nach Science Fiction.

Beim ersten Stopp, der Italian Chapel kam sogar die Sonne raus. Die Kapelle wurde von italienischen Kriegsgefangenen im II. Weltkrieg in einer Nissenhütte gestaltet – mit einfachsten Mitteln, Kerzenhalter wurden z.B. aus Konservendosen gemacht.
Ansonsten ist vieles optische Täuschung – kein Stuck, sondern geschickte Malerei, kein Holz, sondern bemaltes Plastik – und die Madonna über dem Altar wurde von einer Postkarte kopiert.

Wirklich beeindruckend – und auch irgendwie bedrückend – wie sehr gerade die Orkneys vom Krieg geprägt worden waren. Im Laufe des Tages wurden wir immer wieder mit Kriegserinnerungen konfrontiert. Und mit einer kargen und praktisch baumlosen Landschaft.Aber es gab auch skurrile Eindrücke –z.B. Rambo, der Widder mit den 4 Hörnern …

Das Steinzeit-Dorf Scara Brae, durch eine Sturmflut im 19.Jh. teilweise freigelegt und dann ausgegraben, war der nächste Stopp. Archäologen betrachten Skara Brae als die am besten erhaltene Siedlung der Jungsteinzeit in Europa. Spannend, zu sehen, wie man damals gelebt hatte, und dass es schon vor 5000 Jahren ein gewisses Maß an Zivilisation und auch Eitelkeit gab.

So gab es im Hauptraum jedes Hauses eine Art Schrank/Regal, auf dem die wichtigsten Besitztümer ausgestellt wurden, auch trockene Vorräte wurden dort gelagert, während z.B. frische Fische/Krebse in wasser-gefüllten Vertiefungen im Boden aufbewahrt wurden.
Dass die Häuser aus Stein , statt – wie damals meist üblich – aus Holz erbaut wurde, liegt daran, dass es auf den Orkneys kaum Bäume gibt. Der starke Wind lässt sie nicht wachsen, deshalb ist die Landschaft recht übersichtlich, man kann überall kilometerweit ins Land schauen.

Die Steinzeitsiedlung befindet sich auf dem Gelände von Scaill House, das man ebenfalls besichtigen konnte.

Die Orkneys haben eine äußerst lange und bewegte Geschichte – ursprünglich gehörten sie zu Norwegen, fielen erst als Mitgift von Prinzessin Margarete von Norwegen, die König James III. von Schottland heiratete, zusammen mit den Shetlands an Schottland.

Zeichen der sehr frühen Besiedelung ist auch der Steinkreis “Ring o’ Brogar”, älter als Stonehenge und mit ursprünglich 60 Steinen und 103 m Durchmesser auch deutlich größer.

Eindrucksvolle Zeugnisse der Vergangenheit – auch wenn diese Steine wenig bearbeitet erscheinen, grenzt es doch an ein Wunder, wie Kolosse von fast 5 m Höhe so dauerhaft aufgestellt und auch noch astronomisch korrekt ausgerichtet werden konnten. Durch zwei Steine fällt das Licht des Sonnenaufgangs zur Sommersonnenwende, durch den Spalt eines weiteren das des Sonnenuntergangs. Ein weiterer Steinkreis ist der Wintersonnenwende gewidmet.

Rings um die geschichtlichen  Zeugen gab es aber auch noch jede Menge lebendige Natur und Zeugnisse der Gegenwart.


Unser letzer Stopp war die Hauptstadt der Inseln, Kirkwall, eine kleine Hafenstadt auf der Hauptinsel. Die Stadt ist stolz auf ihre Kathedrale, die auch wirklich sehenswert ist und in der eine Orchesterprobe stattfand, denn es waren gerade Festspiele …

Die Fahrt zur Anlegestelle der Fähre  bescherte uns durch’s Busfenster noch einige tolle Blicke auf Meer, Buchten, Strände – und auf Scapa Flow, wo die deutsche Flotte nach dem I. Weltkrieg quasi in Geiselhaft genommen und (von den deutschen Kommandeuren) versenkt wurde, damit sie nicht in die Hand der damaligen Feinde fiel.


Die Rückfahrt auf unserer kleinen Fähre in der Spätnachmittags-Sonne war ein wunderschöner Abschluss des Ausflugs.


Zurück auf dem Festland wollte Dieter noch zu den Duncansby Stacks – markante Felsnadeln vor der Küste. Allerdings spielte jetzt das Wetter plötzlich nicht mehr mit – es fing an zu nieseln und war auch ziemlich diesig, außerdem wurde es sehr kühl, so dass ich Dieter alleine zu den Felsen gehen ließ und stattdessen im Auto die Route für den nächsten Tag plante.

Dieter brachte aber trotz der widrigen Bedingungen einige spektakuläre Fotos mit:

Zurück in Wick war ein wunderbares Abendessen in einem französischen (!) Restaurant der krönende Abschluss – mit schottischem Lamm und schottischen Taschenkrebsen!

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