4. Juli – Stadt der träumenden Türme

„City of dreaming Spires“ nannte der Dichter und Kulturkritiker Matthew Arnold die Universitätsstadt Oxford.

Nun mögen vielleicht die Türme dort träumen – und dabei auch traumhaft schön aussehen – die Stadt selbst tut es definitiv nicht!

Zwar hatten die Trimester-Ferien gerade begonnen, Studenten bevölkerten die Stadt also im Moment nicht, aber es gab reichlich Touristen und auch schon eine Menge junger Leute, die offenbar zur „Summer School“ hierher gekommen waren.

Wer – wie wir – aus der Stadt mit der ältesten deutschen Universität kommt, MUSS die Stadt mit der ältesten englischen Universität natürlich besuchen (die Partnerstadt von Heidelberg ist allerdings Cambridge, ein klitzekleines bisschen jünger als Oxford). Wobei das mit der Universität so eine Sache ist: Hier gibt es keinen Campus mit Hörsaal- und Seminargebäuden und Mensa – stattdessen gibt es insgesamt 38 Colleges, die völlig selbständig sind und auch z.T. heftig miteinander konkurrieren.

Man kann sich das in etwa wie ein föderales System vorstellen – die Universität ist die Bundesregierung und gibt die große Linie vor, erstellt Vorgaben für Lehrpläne, nimmt Prüfungen ab und stellt gemeinsame Ressourcen zur Verfügung, die Colleges sind die einzelnen Bundesländer, die innerhalb dieser Vorgaben autonom unterrichten und ihre Studierenden selbst aussuchen können.

Wir begannen unseren Rundgang bei einem der renommiertesten Colleges, dem Christ Church College, das bereits 13 Premierminister hervorgebracht hat. Lewis Caroll, Autor von „Alice im Wunderland“ war hier Mathematik-Tutor und einige Szenen von Harry Potter-Filmen wurden hier gedreht.

Ein – ausnahmsweise – sehr freundlicher „Porter“, der Torhüter, erlaubte nicht nur einen Blick auf den Innenhof – die Höfe heißen hier „Quad“- , sondern erläuterte sogar die zahlreichen Wappen an der Decke des Tor-Gebäudes.

Die Colleges sind hermetisch von der Außenwelt abgeschlossen und eine Welt für sich. Zumindest die jüngeren Studierenden sind verpflichtet, im College in einem der Wohnheime, „Halls“ genannt, zu wohnen, sie essen im college-eigenen Speisesaal und auch alle sportlichen Betätigungen finden im Bereich des Colleges statt.

Die Anlage des Christ Church Colleges ist traumhaft schön – durch einen üppigen Blumengarten, den Memorial Garden, gelangt man zum Meadow House, wo sich heute Summer School Studenten – überwiegend aus dem asiatischen Raum – zur Anmeldung aufgereiht hatten.

Man könnte überall stundenlang verweilen – aber es gab ja noch mehr zu sehen! Durch schmale Gässchen und malerische Straßen gelangten wir zum Oriel College …… warfen einen Blick durch die prunkvolle Tordurchfahrt in den schon fast bescheidenen Innenhof des Corpus Christi College… und gingen dann durch ein Gittertor den Grove Walk entlang, einen schmalen Weg (der mal in einem „Inspector Lewis“ TV-Krimi eine Rolle gespielt hatte!), der zum Dead Man’s Walk führt. Dort soll der Geist von Francis Windebank spuken, der hier hingerichtet wurde.
An diesem warmen – allerdings etwas trüben – Sommertag ließ er sich jedoch nicht blicken 😉Ein schöner Spaziergang trotz des gruseligen Namens – am der riesigen Rasenfläche des Merton Field entlang, vorbei am botanischen Garten gelangten wir zur High Street und standen direkt vor der eindrucksvollen Fassade des Magdalen College.


Unmittelbar daneben führen Stufen hinab zum Cherwell, wo man Tretboote mieten und die verschlungenen Wasserwege erkunden kann.

Unser Weg führte uns weiter, vorbei am Queens College – zu dessen Absolventen u.a. Rowan Atkinson – Mr. Bean – zählt, aber auch Henry V. studierte hier.


Wesentlich prominenter sind die Absolventen des University College, auf der anderen Straßenseite. Politiker wie Clement Attlee, Harold Wilson und Bill Clinton waren hier ebenso Studenten wie Stephen Hawking. Auch etliche Nobelpreisträger brachte dieses College hervor.

Noch ein Blick auf die Fassade und durch das Torhaus des All Souls College – dem College „ohne Studenten“, denn hier wird ausschließlich geforscht und nicht gelehrt, dahinter die University Church mit ihrem imposanten Turm.Wir wandern noch ein Stückchen weiter – wenigstens eines der Colleges wollen wir auch mal von innen sehen! Allerdings sind viele heute für Besucher geschlossen oder sie erheben horrende Eintrittsgebühren. Beim Trinity College haben sie immerhin ein Herz für Besucher – der Eintrittspreis ist moderat und es gibt sogar noch einen Senioren-Rabatt.

Kaum sind wir drin, macht sich so was wie Wehmut breit – hier hätten wir auch gerne studiert! Die wunderschön romantischen alten Gebäude, die anheimelnden Studentenwohnheime – strikt getrennt in Ladies und Gentlemen -, der imposante Speiseraum mit Kronleuchter, der nicht viel mit den Mensen hierzulande gemeinsam hat, die Gärten mit bunten Blumen und ehrfurcht-gebietenden alten Bäumen …

… und natürlich nicht zuletzt die fantastischen Studienbedingungen!Nur knapp 300 Studierende leben und studieren hier, das Angebot reicht von Rechtswissenschaften bis zu Biochemie. Also alles andere als ein Massenbetrieb – allerdings muss man dafür auch sehr tief in die Tasche greifen. Briten und EU-Studierende zahlen eine Art jährliche Grundgebühr von derzeit 9.250 £ an die Universität sowie weitere 7.350 £ an das College ihrer Wahl. Hinzu kommen noch die Kosten für Unterkunft, Verpflegung, Bücher etc.

Wer keine reichen Eltern hat oder ein Stipendium bekommt, muss in der Regel einen Kredit aufnehmen. Eine der Gastgeberinnen auf unserer Reise klagte, sie zahlten heute noch den Kredit für die Studiengebühren ihrer Töchter ab.

Auf dem weiteren Weg passieren wir die Seufzerbrücke, die „Bridge of Sighs“. Keiner weiß wirklich, warum sie so heißt, denn sie hat keine dramatische Geschichte, sondern verbindet lediglich die Wohnheime mit den anderen Gebäuden des Hertford College und sieht auch ihrer venezianischen Namensschwester nicht ähnlich, sondern eher der Rialto Brücke.

Direkt daneben steht die Bodleian Library, eine der ältesten Bibliotheken Europas mit über 12 Mio. Druckwerken. Führungen sind praktisch immer ausgebucht, auch wir mussten uns mit Blicken von außen begnügen. Auch die Radcliffe Camera, der kreisrunde Erweiterungsbau unmittelbar daneben, war nicht zugänglich.

Stattdessen entdeckten wir direkt vor der Radcliffe Camera im Schatten der Church of St. Mary eine Teestube mit einem hübschen Garten – der richtige Ort, um unseren Sightseeing-Marathon mit Tee und Scones zu beschließen.

Dass ich auf dem Weg zum Auto noch sozusagen über einen Crabtree & Evelyn Laden stolperte, der auch noch gerade eine Ausverkaufsaktion hatte, sagt vermutlich nur eingefleischten England-Fans etwas 😉 Ich war jedenfalls begeistert und schleppte glückselig eine volle Tüte mit Bodylotions und Duschgel zum Parkplatz.

Heute hatten wir wenig Lust auf einen erneuten Fußmarsch ins Dorf und fragten unsere Wirtin nach Alternativen. Etwas zögernd gab sie einen Geheimtipp preis: Das „Maytime Inn“ in Asthall. Das Essen dort sei fantastisch und der Garten sowie die Aussicht „to die for!“ Zwar muss man von Witney aus rund 10 Minuten fahren – aber gestern waren wir fast 30 Minuten gelaufen, also klang das nach einer guten Alternative.

In der Abendsonne durch’s ländliche England zu fahren ist sowieso schon schön …


… aber das Maytime Inn wäre auch ohne die schöne Anfahrt jede Reise wert gewesen! Wir fühlten uns urplötzlich in die Toskana versetzt – ein sonnenüberfluteter Garten mit Rosen und Lavendel, der Blick geht weit übers Land.

Da wäre das Essen im Grunde gar nicht mehr so wichtig gewesen – aber auch das war ausgezeichnet!

So wunderschön haben wir noch selten einen Tag abgeschlossen!

Hier unser Stadtrundgang durch Oxford – für den wir natürlich bedeutend länger als die hier genannten 55 Minuten gebraucht haben! Unsere Parkdauer von 4 Stunden haben wir fast auf die Minute ausgenutzt!

Gedanken, Bemerkungen, Kommentare ...

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s