Die Entdeckung der Langsamkeit

19. Juni 2018 – Von Kristiansand nach Stavanger
Dass auf Norwegens Straßen  die Höchstgeschwindigkeit 80 km/h ist, wussten wir. Ist auch in Ordnung – schließlich kennen wir ähnliches bereits aus Neuseeland. Und außerdem wollen wir ja nicht durch’s Land rasen, sondern das Land sehen.

Heute stellten wir allerdings fest, dass das alles reine Theorie ist und die Betonung auf “Höchst” liegt.

Tatsächlich kann man nämlich nur sehr, sehr selten wirklich 80km/h fahren.

Auf unserer heutigen Strecke von Kristiansand nach Stavanger – nicht über kleine Nebensträßchen, sondern über die E39! – standen ganz überwiegend Tempo 60 Schilder. Dazwischen immer wieder Baustellen, wo man nur 50 fahren durfte. Oder Ortschaften, wo man gelegentlich auch auf 30 oder 40 km/h gedrosselt wurde.

Man wird also förmlich zum entschleunigen gezwungen.

Bei uns fing das Entschleunigungsprogramm bereits mit dem Frühstück an – der braune Karamellkäse musste nochmal probiert werden. Und diverse andere Leckereien, die gestern zu kurz gekommen waren.
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Sieht doch echt verführerisch aus, der Brunost – oder? Noch ein letzter Blick aus dem Fenster – Morgensonne auf dem Wasser und eine Fähre entschwindet gerade Richtung Dänemark!

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Während Dieter auscheckt, hole ich das Auto vom Straßenparkplatz – dort hatten wir es gestern Abend abgestellt, denn nachts parkt man umsonst auf der Straße, während es im Parkhaus unter dem Hotel 28 NOK pro Stunde kostet. Ab 8 Uhr muss man allerdings auch auf der Straße bezahlen – aber das kann man am Parkautomaten auch schon am Abend entsprechend eingeben.

Kaum sind wir aus der Stadt raus, werden wir gleich wieder ausgebremst – mehr als 60 km/h darf man über weite Strecken nicht fahren. Aber wir haben es auch nicht eilig. Fahren erst mal bis Mandal – das klingt nett und soll schöne alte weiße Holzhäuser haben.

Weiße Häuser sehen wir nicht viele – dafür kunterbunte.
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Und ich lerne eine neue Variante der Parkautomaten kennen. Man steckt die Kreditkarte rein bei der Ankunft und ein weiteres Mal bei der Abfahrt – und die Kosten für die Parkzeit werden berechnet und abgebucht. Leicht verwirrend, das Ganze …

Wir fahren weiter – durch eine traumhaft schöne Landschaft, vorbei an malerischen kleinen Fjorden und Seen, gesäumt von rot gestrichenen Holzhäuschen. Schafe und Kühe weiden auf saftigen Wiesen. Immer kommen kürzere oder längere Tunnel – jedes Mal ist das Auftauchen ins Tageslicht wieder ein „Wow“-Erlebnis, die Szenerie ändert sich ständig. Aber – nirgendwo kann man anhalten, um mal ein Foto zu machen!!!!!!!!!!

Wenn mal irgendwo eine der sehr seltenen Haltebuchten oder gar ein Parkplatz kommt, ist es regelmäßig an einer Stelle, wo man absolut nichts sieht! Hoffentlich bleibt das nicht so.

Flekkefjord ist unser nächster Stopp – eine malerische kleine Altstadt an einem winzigen Hafen.

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Noch ein Schlenker zum Wasser – hier wurde allerdings an Land gepaddelt …
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Tja – und jetzt sollten eigentlich Bilder von einer wirklich unglaublichen Landschaft folgen. Von Seen und bizarren Felsformationen, von wild zerklüfteter Küste … Aber da gab es so was wie ein multiples Organversagen – von Mensch und Technik.

Zum einen war meine Aufmerksamkeit eine Weile mehr darauf ausgerichtet, irgendwo einen Parkplatz mit Toilette zu finden (Mädels kennen das …) – und ich dachte, diese Landschaft würde schon noch eine Weile so bleiben. Blieb sie aber nicht …

Und das, was dennoch an Fotos entstand, war alles komplett unscharf – ich musste entsetzt feststellen, dass der Autofokus irgendwie nicht mehr richtig funktionierte bzw. offenbar nur noch, wenn er Lust hat. Wenn das so bleibt, sehe ich ziemlich schwarz.

Nach der aufregenden Felsküste kamen lange Strecken am Meer entlang mit endlosen Sandstränden – bei sonnig-warmem Wetter ein verlockendes Ziel (sogar der König ist dort manchmal anzutreffen), heute aber weniger attraktiv, denn es ist sehr windig und recht kühl. Mehr als maximal 13°C bringt das Thermometer heute nicht.

Am Nachmittag erreichten wir Stavanger – und waren einerseits sofort hingerissen von der zauberhaften Atmosphäre des bunten kleinen Hafenortes, andererseits aber auch hemmungslos entsetzt. Da lagen in dem winzigen Hafen mit den kleinen bunten Holzhäuser gleich zwei riesige Kreuzfahrtschiffe (Typ quergelegtes Hochhaus – also richtige Scheußlichkeiten), die die Häuschen nahezu erdrückten.


Unser Hotel lag nur ein paar Schritte vom Kai entfernt in der Altstadt – vom Zimmerfenster aus konnte man das Monstrum sehen, das den Hafen fast komplett belegte.

Nur schnell ein paar Sachen auspacken – dann stiefelten wir los, durch die engen verschachtelten Altstadtgassen mit ihren bunten Häusern.


Runter zum Hafen, wo kleine bunte Holzhäuser das Wasser säumen.



Und wo das Riesenschiff das Stadtbild störte.

Rüber zum Dom – der ziemlich unspektakulär und skandinavisch schlicht ist – und zum davor liegenden See.
Dort machten sich die Wasservögel bereits bett-fertig.

Dann einfach ein Weilchen im Hafen in der Sonne sitzen, bei einem Bier … Hoffen, dass die Düsternis am Himmel woanders hin zieht.

Und zusehen, wie die Riesenschiffe sich langsam davon machen.

Nachdem der Hafen jetzt wieder quasi im Urzustand ist, spazieren wir noch ein Stück. Und freuen uns über die freie Sicht!

Um die Ecke gibt es einen weiteren Hafen – hier liegen zum einen die Frachtschiffe, imposante große Pötte …

Zum anderen ist dort der Yachthafen – und auch das Ölmuseum, ein ziemlich futuristisches Gebäude, das einer Ölplattform nachempfunden ist.

Auch wenn die Sone noch scheint und es noch taghell ist – inzwischen ist es 22 Uhr und wir werden langsam müde. Das Bett lockt – und schließlich ist morgen auch noch ein Tag!

Die heutige Strecke:

3 Kommentare zu “Die Entdeckung der Langsamkeit

  1. Ich begreife auch nicht weshalb man diese Riesenschiffe nicht abseits der Stadt parkieren kann. Gut wenn man übernachtet, dann geniesst man die Ruhe und die fast leeren Strassen um so mehr. Drücke die Daumen, dass die Kamera wieder ihre Arbeit aufnimmt, gute Reise weiterhin.

    • Die Kamera wurde mit einem Reset wieder halbwegs flott gemacht, hat aber leider weiterhin ihre Macken. Meine alte war definitiv besser!

      Mit den Riesenschiffen ist es ja nicht nur hierzulande eine Plage – wenn da schlagartig 4000 – 5000 Menschen in einen kleinen Ort einfallen, ist das wie eine Heuschreckenplage! Haben wir z.B. in Akaroa (500 Einwohner) so erlebt – abgesehen von ein paar Busunternehmern, die die Schiffstouristen zu Ausflügen herumkarren, hat dort niemand was von dieser Art Tourismus.
      Gegessen und getrunken wird praktisch ausschließlich auf dem Schiff – an Land werden höchstens ein paar Souvenirs gekauft … Und dafür liegt dann so ein Ding stinkend und qualmend im Hafen!

  2. Ich finde das nordische Ambiente, die langen hellen Abende und die bunten Holzhäuschen ebenfalls wunderschön… Ich reise im Geiste mit euch und freue mich, daß ihr heute solch gutes Wetter hattet. Kühler Wind und Sonne – genauso würde ich es mir in Norwegen wünschen 🙂

    Hoffentlich hat deine Kamera ein Einsehen und macht ab morgen wieder scharfe Fotos. Falls nicht – dein Mann hat doch sicher auch eine dabei…

    Ich wünsche euch weiterhin eine genußvolle Reise!

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