Lange Fahrt mit kurzen Aussichten

24. Juni – Bergen bis Balestrand
Es war nicht nur das trübe und regnerische Wetter, das die heutige Fahrt so wenig aussichtsreich machte – es waren auch die unzähligen und sehr langen Tunnel.

Zwar waren wir manchmal froh, dem Regen für eine Weile zu entrinnen – aber ein Land unterirdisch zu durchfahren, hat dann doch recht wenig Reiz.

Zumal die Tunnel heute wirklich von der heftigen Sorte waren – von der Gesamtstrecke über ca. 300 km verliefen rund 70 km unterirdisch – der längste Tunnel war allein schon fast 25 km lang!

Ein früher Aufbruch, denn die heutige Strecke war mit 300 km sehr lang. Was in Deutschland maximal 3 Stunden Autobahnfahrt wäre, ist hier so was wie eine Ganztags-Tour!

Wäre ja auch genau das, was wir geplant hatten – ein gemütlicher Roadtrip durch ein landschaftlich umwerfend schönes Land mit vielen Fotostopps und kleinen Wanderungen. Wenn da bloß zwei Dinge nicht wären: Das miese Wetter und die Tunnels! Wobei wir natürlich schon einsehen, dass die Tunnels für die Menschen, die hier leben, und halbwegs flott von A nach B kommen wollen, eine enorme Erleichterung sind! Früher wurden Fjorde mit Fähren überquert – das freut den Touristen, aber es dauert. Mittlerweile ist man durch einen Tunnel schnell auf der anderen Seite des Fjords. Oder des Bergs.

Für uns ging es heute praktisch sofort mit einem Tunnel los – um aus Bergen raus zu kommen, muss man unter die Erde. Es folgen etliche kürzere Tunnels – aber ab und zu sieht man auch was. Wir fahren heute nahezu die selbe Strecke wie vor zwei Tagen mit dem Zug – damals bei traumhafter Sicht, heute ist sie eher mau.

Ein kurzer Stopp am Wasserfall Tvindefossen muss sein – wobei es mir eigentlich das putzige Wartehäuschen mehr angetan hat als der Wasserfall. Fast alle Bushaltestellen haben solche Häuschen mit einem Moosdach.

Links neben der Straße rauscht ein Bach, der durch den Regen ordentlich angeschwollen ist.

Kurz überlegen wir, ob wir sie  bei diesem Wetter überhaupt wagen sollen – die Stalheimskleiva! Diese schmale und serpentinenreiche Straße sind wir vor zwei Tagen mit dem Bus gefahren, heute fuhren wir – leider – hinter einem Bus runter ins Tal.



Man sieht, wieviel Mühe der Bus mit den engen Kurven hat! Es gibt eine sehr flotte und bequeme Straße im Tal, die statt über den Berg durch den Berg führt – in einem Tunnel … Aber weil wir davon heute noch reichlich erleben werden, haben wir die Open Air Variante genommen.

Es geht Richtung Flåm, durch enge schluchtenartige Täler mit steilen Felswänden.


Und durch den ersten richtig langen Tunnel, den Gudvangatunnel . Der ist mit fast 12 km der zweitlängste in Norwegen!

Allerdings fahren wir zügig an Flåm vorbei und am Aurlandsfjord entlang bis Aurlandsvagen.  Hier machen wir – trotz erheblicher Bedenken, ob sich dieser Umweg überhaupt lohnt – einen Abstecher zum Aussichtspunkt Stegastein. 

Sieben Kilometer lang geht’s bergauf, wieder in engen Haarnadelkurven. Nicht alle reisen so bequem wie wir – wir sehen etliche Wanderer, die trotz des Regens den langen Anstieg zu Fuß zurück legen. Überraschenderweise sind fast alle asiatische Touristen!

Oben angekommen hoffen wir auf eine Regenpause – vergeblich! Die futuristische Aussichtsplattform bietet heute alles andere als die tollen Blicke, mit denen im Internet geworben wird!


So richtig viel zu sehen ist nicht – aber man kann erahnen, wie unglaublich toll die Aussicht bei schönem Wetter wäre.



Es geht wieder zurück, über das schmale Sträßchen ins Tal.

Wenig später beginnt eine Rekordstrecke: Der Lærdalstunnel ! Er ist mit 24,5 km der längste Straßentunnel der Welt,  verbindet die Orte Aurlandsvangen und Lærdalsøyri und ermöglicht – im Gegensatz zum früheren Weg über das Gebirge – auch im Winter eine Verbindung zwischen den beiden Gemeinden. Die einzige Alternative war früher eine Fähre auf dem Sognefjord.

Damit auf der langen Fahrt durch’s Dunkel niemand einschläft, wurde die Fahrbahn leicht kurvig gestaltet, und alle 6 km gibt es eine ziemlich spektakuläre Lichtshow.

Kaum sehen wir wieder Tageslicht – auch wenn es trüb ist – verschwindet die Straße schon wieder im Tunnel.

Dieses Mal sind es nur knapp 7 km. Am Ende dieses Tunnels erwartet uns allerdings kein weiterer Tunnel, sondern zur Abwechslung mal eine Fähre – die lässt aber ein bisschen auf sich warten.

Aber das macht nichts – ein bisschen frische Luft tut gut und man entdeckt auch erstaunliche Ankündigungen! Falls jemand im Oktober hier in der Gegend ist, wäre das vielleicht ein Ziel!

Unser Ziel ist jedoch die Fähre, die gemächlich näher kommt. Wir bekommen auf den ohnehin günstigen Fährpreis wieder einen Seniorenrabatt.


Die Überfahrt ist wirklich kurz, gerade mal 15 Minuten – aber viele drängen trotzdem wieder in die Cafeteria. Reisen macht eben hungrig.

Wir bleiben lieber an Deck und schauen uns die Gegend an.



Auf der anderen Seite wird es fast lieblich – Wälder und Wiesen, dazwischen propere Bauernhöfe.


Ein kleiner Abstecher muss noch sein – in Kaupanger steht eine der ältesten Stabkirchen des Landes.  Stabkirchen oder Mastenkirchen sind hölzerne Kirchen, die als Stabbau konstruiert wurden. Der Stabbau ist ein Tragwerk aus senkrecht stehenden Masten, den sogenannten Stäben, auf denen die gesamte Dachkonstruktion ruht.

Die recht kleine Kirche steht mitten im Friedhof und ist außen frei zugänglich, will man hinein, muss man allerdings einen kleinen Eintritt bezahlen.

Das letzte Stück der Strecke fahren wir am Sognefjord entlang bis Hella. Auch hier gibt es wieder eine Fähre, die uns in 5 Minuten auf die andere Seite nach Dragsvik bringt. Allerdings geht es leider nicht so flott wie wir dachten – die Fähre macht direkt vor unserer Nase dicht und fährt ab. Ohne uns …

Aber wir haben ja Zeit … Und nach 15 Minuten ist sie wieder da und nimmt uns mit. Jetzt sind es nur noch wenige Kilometer bis Balestrand. Und die führen an einem zauberhaften kleinen Seitenarm des Fjords entlang. Im absolut stillen Wasser spiegeln sich Landschaft und Höfe – es ist hinreißend schön!



Kleine Häuser kleben am steilen Hang, die Straße windet sich bis ans Ende der Bucht und kurvt dann zurück Richtung Fjord. Wir wollten uns gar nicht vorstellen, wie unsagbar schön das bei Sonne wäre!



Balestrand war erreicht – einer der Orte, die Kaiser Wilhelm II. immer wieder im Sommer aufgesucht hatte. Unser Hotel Midtnes war ziemlich ernüchternd – von außen sehr schön, von innen sehr schlicht, ziemlich abgewohnt und nicht sonderlich gemütlich. Das Mobiliar abgestoßen, im Bad noch nicht mal eine Duschtasse – da haben wir in den billigsten Unterkünften in Südostasien besser gewohnt!

Das wäre alles ok, wenn der Preis nicht auf 5-Sterne Niveau läge! Es ist so ziemlich das teuerste Hotel auf unserer Reise – und das mit Abstand schlechteste. Aber hier hat man praktisch keine Wahl.

Immerhin ist die Lage sehr schön – und die Blicke vom Balkon ebenfalls.

Ein Spaziergang musste sein – direkt unterhalb des Hotels steht eine sehr eindrucksvolle alte Kirche.

Die alten Kirchen hier sind wirklich etwas ganz besonderes – diese Art von Kirchen hab ich sonst noch nirgendwo gesehen! Der Tag klang für uns aus in einem netten kleinen Café, bei recht gutem Essen und frisch gezapftem Bier.

Die heutige feuchte Tour:

2 Kommentare zu “Lange Fahrt mit kurzen Aussichten

  1. Soooo viel, das an die Südinsel erinnert… Wenn man die Temperaturen (und Vegetation) ausser Acht lässt, wäre es fast eine Überlegung, statt Wanaka Norwegen aufzusuchen 😉
    Ein paar Fragen hab‘ ich aber:
    – Das sind doch wohl hoffentlich Einbahnstrassen, da oben in den Serpentinen?!?
    – Was ist das für ein Steingebilde neben dem Bus (auf dem mittleren Bild, als Ihr hinterherzuckelt)?
    – Was ist eine Duschtasse?

    So oder so – wieder vielen Dank für’s Mitnehmen!

    Sonnige Grüße von der Küste!
    Christine

    • Ja, das ist eine Einbahnstraße! Nicht ohne Grund gehört die Stalheimskleiva zu den „Most dangerous roads of the world“. Wohnmobile und Gespanne dürfen hier nicht fahren.

      Die Säule rechts am Straßenrand hat uns auch Rätsel aufgegeben – aber verständlicherweise konnten wir nicht mal kurz anhalten und nachschauen – und im Reiseführer steht nichts dazu.

      Ein Duschtasse ist das, wo man mit den Füßen drin steht, wenn man duscht. Meist eine Art kleine Wanne, aber zumindest irgendeine Abtrennung zum restlichen Bad, damit das Wasser nicht überall hin fließen kann.
      In Balestrand war das leider nicht der Fall, es gab keinerlei Begrenzung, der Boden war auch nicht gefliest, das halbe Bad stand unter Wasser nach dem Duschen!

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