Sonne in der Nacht

25. Juni – Von Balestrand nach Ålesund
Schon ein kleines bisschen Sonne hätte uns heute glücklich gemacht – bekommen haben wir aber sogar das ganz große Glück: Sonne bis Mitternacht!

Zwar nicht gleich von Anfang an – der Planet mache es spannend und hüllte sich am Morgen noch in dicke Wolken.

Vom Frühstücksraum aus hatte man – theoretisch – einen tollen Blick auf und über den Fjord, allzuviel konnte man aber am Morgen noch nicht sehen. Das lag nicht nur am Wetter, sondern auch daran, dass wir an einen Tisch an der Wand verbannt wurden.

Denn in diesem Hotel herrschen Sitten wie in manchen bayrischen Pensionen – jedem Zimmer wird ein fester Tisch zugewiesen. Obwohl also massenhaft Tische an den Fenstern frei waren, durften wir uns nicht dort hin setzen, sondern mussten an die Wand.

Dass das Frühstück selbst eine äußerst überschaubare Angelegenheit war, muss wohl nicht extra erwähnt werden. Trotz des eher kärglichen Angebots hing an der Wand noch ein mehrsprachiges Schild, das in rüdem Ton informierte, dass man kein Essen aus dem Raum mitnehmen darf.

Machten wir nicht, sondern wir machten uns aus dem Staub, denn wir hatten heute eine sehr lange Fahrt vor uns – 340 km. Wurden aber schon an der ersten Kurve wieder ausgebremst von einem malerischen Fleckchen und Wasserspiegelungen im ruhigen Fjord.



Egal, in welche Richtung man schaut – einfach nur schön! Und so viel Zeit muss man sich einfach nehmen, um diese Naturschönheiten ein bisschen zu genießen.

Wasser zur Rechten, Felswände zur Linken ging’s am Sværafjord entlang. Von dem sahen wir allerdings nicht viel – Nebel war aufgezogen. Wer wissen möchte, wie es hätte aussehen können, kann die Strecke bei Google Streetview nachfahren.


Ganz so herbstlich wie bei Streetview war es bei uns nicht, aber mehr als 10°C waren es auch nicht. Für die heutige Fahrt hatten wir eine der weniger bekannten Landschaftsrouten ausgewählt, die über den Gaularfjellet führt. In unzähligen engen Serpentinen und mit grandiosen Ausblicken schlängelt sich die Straße zum höchsten Punkt des Gaularfjellet hinauf.


Das mit den Ausblicken funktionierte allerdings nur so lange, bis wir in der tief hängenden Wolkenschicht gelandet waren.

Am Aussichtspunkt Utsikten sah man – NICHTS!


Es sei denn, man wartete ein bisschen – der heftige Wind blies die Wolken nämlich mal hier hin, mal dort hin – und zwischendurch gab es Lücken. Und BLICKE!



Die Fahrt ging über eine grandiose Hochebene, mit Felsen, Schafen, Seen, immer dem Gaularvassdraget folgend, einem der wenigen unter Naturschutz stehenden Gewässer.


Eilige Stromschnellen und ruhiges Dahinfließen, Wasserfälle und kleine Seen – der Bach bietet das volle Programm! Und die Straße folgt akribisch seinem Verlauf von der Quelle bis zur Mündung in den Viksdalsvatnet, den Viksdal See. Man kann das Wasser auch ganz aus der Nähe erleben, wenn man den 25 km langen Wasserfallweg Fossestien von Nystølen bis Eldal entlang wandert.





Wir begnügen uns damit, immer wieder anzuhalten und ein paar Schritte Richtung Wasser oder Wasserfall zu machen. Und auch mal zur Seite zu schauen, auf die rosafarbene Blütenpracht unter Birken.

Schließlich sind wir in der Ebene angelangt, am See.

Die Straße schlängelt sich mal bergauf, mal bergab, durch enge Felsschluchten und kleine Täler.


Wasserfälle überall – über kahles Gestein und bemooste Felsen falls sie aus der Höhe ins Tal.


Dazwischen liegen die Wiesen im Sonnenlicht und leuchten in hellem Grün! Nur meine Kamera kommt damit nicht klar – oder umgekehrt, ich komme mit der Kamera nicht klar! Aus dem fahrenden Auto heraus Fotos zu machen, bin ich eigentlich gewohnt – aber da der Autofokus nach wie vor spinnt und der manuelle sehr träge ist, lässt die Bildqualität oft ziemlich zu wünschen übrig.

Wir kommen nach Hellesylt – ein kleines Städtchen, das in erster Linie als Ausgangspunkt für Fahrten in den Geirangerfjord Bekanntheit erlangt hat. Ein paar hübsche alte Häuser, eine malerische Kirche am Hang und der schon fast obligatorische Wasserfall – viel mehr gibt’s hier nicht zu sehen.




Den Weg über Hellesylt hatten wir aus einem einzigen Grund gewählt – von einem nahe gelegenen Aussichtspunkt hat man einen Wahnsinnsblick in den Geirangerfjord! Zwar hatten wir ja schon das eine oder andere Waterloo mit Aussichtspunkten erlebt – aber es kann ja auch immer mal anders kommen!

Und es kam anders! Bei strahlender Sonne und blauem Himmel war der Anblick einfach eine Wucht! Rechts und links der Synnulvsfjord , in der Mitte zweigt der Geirangerfjord ab. Wir standen erst mal einfach nur da und staunten. Freuten uns. Bewunderten die Natur.

Schauten nach links …

Und nach rechts …

Und in die Mitte, wo der Geirangerfjord abzweigt.

Machten ein Panoramafoto.

Aber weil man das alles kaum in einem Foto darstellen kann, gibt’s hier einen kurzen Schwenk mit der Kamera als Video. Was da so wackelt, ist nicht etwa meine unruhige Hand -es ist der Wind, der einem die Kamera fast aus den Händen reißt!

Und auf der aushängenden Karte kann man sich das auch noch mal alles anschauen.

Wir haben noch eine gute Strecke vor uns, es geht weiter. Durch ruhiges Bauernland, wo die Wiesen alle bereits gemäht sind. Hin und wieder auch mal ein Tunnel.



Noch einmal müssen wir die Fähre von Sykkylven nach Magerholm nehmen. Kurz davor können wir in der Ferne noch ein paar richtig hohe Bergriesen bewundern. Hier ist ein angesagtes Skigebiet.

Wieder an Land ist es nicht mehr weit bis Ålesund. Ein zauberhaftes Städtchen und ein Hotel direkt am Hafen erwarten uns dort. Das Scandic Ålesund ist zwar etwas in die Jahre gekommen und braucht dringend eine Generalüberholung – aber unser Zimmer ist groß, hell – und bietet begnadete Blicke vom Balkon und Fenster nach zwei Seiten!

Aus dem Fenster sieht man den Hafen und den Hausbergk Aksla.

Vom Balkon schaut man auf die Hafeneinfahrt. Hier steht sogar ein winziger Leuchtturm – und eben kommt ein Hurtigrouten Schiff angefahren! Die Anlegestelle der Hurtigrouten ist direkt hinter dem weißen Gebäude.


Das Zimmer selbst ist zwar sehr groß und hell, aber sehr sparsam möbliert. Steckdosen gibt es praktisch keine, auch im Bad nicht – nicht einfach in Zeiten, wo man mit vielen Geräten reist, die abends hungrig nach Strom sind. Wir müssen die Nachttischlampe ausstöpseln, um Geräte laden zu können.

Dass die Schranktür nicht schließt und das Fenster mit Klebeband zugeklebt ist, weil es vermutlich undicht ist (unzählige Wasserflecken an Wand und Decke zeugen davon), stört uns nicht weiter. Auch dass das Waschbecken einen tiefen Sprung hat und der Wasserhahn defekt ist, ist nicht so schlimm. Allerdings erwartet man von einer Hotelkette wie den Scandic Hotels schon, dass solche Dinge repariert werden. Vor allem bei den stolzen Preisen, die hier verlangt werden.

Aber angesichts des tollen Wetters werden wir uns ohnehin nicht lange im Zimmer aufhalten – auch heute starten wir gleich nach der Ankunft Richtung Stadt.

Die Lage unseres Hotels ist genial – eines der hübschesten Viertel er ohnehin sehr schönen Stadt, mit unzähligen Jugendstilhäusern.

Auch jede Menge Kneipen und Restaurants gibt es hier – allerdings zeigt sich später, dass die bei weitem nicht ausreichen, denn alle sind rappelvoll.

Um die Ecke kommen wir ans Wasser – ein kleiner Verbindungskanal. Ålesund mitten ins Wasser gebaut – es liegt auf mehreren Inseln, die durch Brücken miteinander verbunden sind. Morgen wollen wir uns das von oben anschauen, heute erlaufen wir die Stadt.

Überall stehen Skulpturen, die das nicht leichte Leben der Menschen in früheren Zeiten darstellen.


Von der hübschen Brücke aus hat man einen tollen Blick auf Häuser und Boote in der Abendsonne – es ist inzwischen schon 19 Uhr.


Wir umrunden den Hafen, sehen unser Hotel mal von der anderen Seite.

Eine Bar hat eine Außenbestuhlung direkt am Wasser, dort setzen wir uns erst mal auf ein Bier in die Sonne und genießen das Panorama.

Unser Hunger treibt uns dann aber in ein Restaurant nach dem anderen – leider überall ohne Erfolg. Mal gibt es absolut keinen Platz, mal hat die Küche so viel zu tun, dass mit Wartezeiten von einer Stunden gerechnet werden muss, mal ist die Küche montags geschlossen und es gibt nur was zu trinken. Selbst im Hotel haben wir kein Glück – zwei riesige Reisegruppen haben das komplette Restaurant belegt, die gestresste Kellnerin erklärt uns, dass die Küche völlig überlastet sei. Also marschieren wir wieder zurück.

Ein kleiner Kiosk, neben dem etliche Tische und Bänke stehen, wirbt mit den „Best Fish’n Chips in the World!“ und was die Leute da so in die Hand bekommen, sieht tatsächlich lecker aus. Kurz entschlossen bestellen auch wir Fish’n Chips, ich hole noch zwei Bier aus der Bar nebenan – und dann genießen wir ein wirklich gutes (und auch sehr günstiges) Abendessen mit Hafenblick.

Und haben auch noch überraschend nette Tischgesellschaft  – eine Gruppe Vietnamesen, die als Boat People ins Land gekommen sind. Inzwischen sind sie längst norwegische Staatsbürger, schon in Rente und machen eine Reise durch ihr Adoptivland.

Seit über 40 Jahren sind sie schon hier – keiner war jemals wieder in der Heimat – zu groß ist die Angst, dass man sie dort inhaftiert. Als wir erzählen, dass wir schon öfters dort waren, zuletzt 2014, werden wir mit Fragen gelöchert – die alte Heimat ist immer noch sehr präsent in ihren Gedanken und Gefühlen.

Wir schlendern satt und zufrieden nach Hause – und können uns bis nach Mitternacht kaum satt sehen an der Szenerie vor unseren Fenstern. Die Hurtigruten laufen wieder aus …

Aber die Sonne bleibt. Um 23.31 sieht man sie noch hinter der kleinen Insel!

Um 00:06 ist es noch hell genug, um ohne Licht zu lesen, im Hafen sind noch kaum Lichter an.


Und der Himmel leuchtet …

The Long and Winding Road des heutigen Tages:

2 Kommentare zu “Sonne in der Nacht

  1. Was für ein traumhafter Tag! Und als Krönung des Ganzen die Mitternachtssonne… Dein Reisebericht entfacht heftige Sehnsucht in mir und weckt nostalgische Gefühle. Das muß ich auch noch einmal erleben, bevor ich zu alt dafür bin.
    Als ich von eurem Hotel ohne Duschwanne las, fiel mir ein, daß wir damals ganz viele Unterkünfte hatten, deren Duschwasser einfach auf den Boden ging. Der war meist so eine Art Linoleum, und es stand immer ein Schrubber dabei, mit dem man den nassen Boden abziehen konnte. Lustig, daß sich manches offenbar noch nicht geändert hat in Norwegen trotz des gewaltigen Reichtums durch das Öl 😉

    • Bei gutem Wetter ist es hier wirklich überwältigend schön! Die schlechten Tage muss man einfach so akzeptieren – wir hatten bisher Glück, dass wir immer dann, wenn gar nichts ging, eine tolle Unterkunft hatten.
      Das mit der Dusche war bisher wirklich nur in Balestrand – einen Schrubber gab es allerdings nicht, man stand dann mit nassen Füßen auf dem Linoleum.

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