Farbenfrohes Nordufer

Den gestrigen Sonntag hatten wir auf der Höri verbracht, einer eher ruhigen Ecke am Bodensee. Einfach nur ein bisschen Spazieren gehen und vor allem schwätzen mit alten Freunden.

So ist das halt, wenn man sich selten sieht, weil man ziemlich verstreut wohnt . . .

Was natürlich auch nicht zu kurz kam – richtig gutes Essen und süffiger Bodensee-Wein. So ist das halt, wenn man sich ausgerechnet in einer Gegend trifft, die kulinarisch eine Menge zu bieten hat . . .

Trotzdem (oder gerade deshalb) – zu mehr als kurzen Verdauungsspaziergängen am Seeufer rafften wir uns nicht auf.

Dafür stand am folgenden Tag gleich morgens Kultur auf dem Programm – die Petruskirche in Kattenhorn ! Von außen macht das Kirchlein nicht viel her – sehr schlicht, sehr protestantisch und sehr klein. Man muss schon rein gehen, um zu sehen, weshalb es uns dorthin gezogen hat – die Kirchenfenster wurden von Otto Dix gestaltet! Und wer jetzt an schmale Fenster denkt, liegt total daneben – hier wurde fast eine ganze Fassade aus Glas gestaltet!

Die großflächigen Fenster stellen die Geschichte des Apostels Petrus dar und sind eines der monumentalsten Werke von Otto Dix, der auf der Höri lebte. Ein berühmter Ausspruch von Dix lautet „Was verstehst du denn von Sünde, wenn du sie nicht begangen hast und gesehen hast?“


Nach so viel Kultur gibt’s noch ein gemeinsames Mittagessen am spiegelglatten See …

Dann geht jeder wieder seiner Wege, für uns Richtung Nordufer. Den Bodensee kenne ich eigentlich nur dort, wo er schmal ist, um Konstanz herum. Jetzt wollten wir mal ein bisschen mehr sehen!

Unser erster Stopp ist Überlingen – schmucke Fachwerkhäuser, verschwiegene Gassen, eindrucksvolle Skulpturen an Fassaden und auf Brücken.

Quer durch’s Land geht’s zum Schloss Salem – das gehört mittlerweile dem Land Baden-Württemberg. Das Schloss mit seiner bewegten Geschichte – ursprünglich ein Kloster, Anfang des 19. Jh. säkularisiert, Sitz der Großherzöge von Baden, heute sowohl Wohnsitz der Herzogsfamilie als auch weltweit berühmtes Internat – wurde 2009 vom Land gekauft, nachdem der Herzog mit dem Verkauf an Investoren gedroht hatte.

Uns war der Eintritt in den Garten – weiter darf man nicht ohne Führung – keine 9€ pro Person wert – wir guckten stattdessen einfach durch den Zaun.


Im gegenüberliegenden Gasthaus hätten wir hausgebrautes Bier probieren können – nur war es dafür zu früh und zu heiß!

Schön war die absolute Ruhe hier – außer uns praktisch keiner da … Montage sind gar nicht so schlecht!

Noch ein bisschen mehr Kultur/Geschichte gönnen wir uns bei einem Abstecher zur Basilika Birnau. Die rosa-weiße Barockkirche thront auf einer Anhöhe mit tollem Blick über Weinberge zum See.

Den üppig ausgestatteten barocken Innenraum zu fotografieren, war leider streng verboten und wurde auch kontrolliert.

Der Tag war so schön, Landschaft und Orte erst recht, dass wir beschlossen, hier irgendwo noch eine Nacht zu bleiben. Spontan am Bodensee ist nicht einfach – aber wir hatten Glück und fanden im Landgasthof Sternen in Uhldingen-Mühlhofen, nicht weit von Meersburg entfernt, eine sehr komfortable und zudem preisgünstige Unterkunft. Weil wir nicht über ein Buchungsportal gebucht hatten (dort hatten wir lediglich nach freien Zimmern gesucht), sondern direkt im Hotel, gab’s noch einen 10%igen Nachlass!

Gepäck auf’s Zimmer – und dann gleich weiter nach Meersburg. Und dort – einfach nur „WOW!“ So ein Bilderbuch-Städtchen hatten wir lange nicht mehr gesehen – und dazu noch die Lage!

Das Bodensee-Ufer ist hier sehr steil, Meersburg hat deshalb eine Oberstadt mit Schloss und Burg und tollem Blick über den Bodensee. Und eine Unterstadt – mit wunderschön bunten Häusern, einer netten See-Promenade und einem pittoresken kleinen Hafen. Verbunden sind die Stadtteile über eine steile und lange Treppe.

Wir starteten erst mal oben – mit der Suche nach einem Parkplatz. Die sind hier echte Mangelware – aber irgendwie schafften wir es und stiefelten los. Die Treppen vom Parkplatz runter zu einem kleinen Platz mit einem kuriosen Brunnen, dem Schnabelgierebrunnen der Meersburer Narrenzunft. Hier riskiert man eine kühle Dusche, denn die beiden Kinder unter dem Schnabeltier spucken in unregelmäßigen Abständen Wasser im weiten Strahl in die Gegend.

Vorbei an gepflegten Fachwerkhäusern kommen wir zu einem malerischen Platz vor dem Stadttor.

Hier wird’s bunt – jedes Haus hat eine andere Farbe. Schmale Sträßchen und Gassen führen bergauf und bergab.

Wir schlendern durch die engen Gassen zur Burg Meersburg, der ältesten bewohnten Burg Deutschlands. Nach einer Überlieferung aus dem Jahr 1548 soll die Gründung der imposanten Wehranlage bis ins 7. Jahrhundert auf die Merowinger unter König Dagobert I. zurückgehen.


Von 1841 bis 1848 verbrachte die Dichterin Annette von Droste-Hülshoff (die zu D-Mark-Zeiten unseren 20-DM-Schein zierte) viel Zeit auf der Meersburg bei ihrer Schwester und deren Mann. Hier starb sie auch am 24. Mai 1848. Unmittelbar neben dem Eingang zur Burg hat man ihr ein Denkmal gesetzt.

Direkt daneben geht es hinauf zum Neuen Schloss. Es ist einmalig, wie es da über dem Bodensee thront – mit grandioser Aussicht. Die Fürstbischöfe von Konstanz wussten diesen Ort mit dem schönen Blick über den See durchaus zu schätzen und zu genießen und bauten im 18. Jahrhundert das Neue Schloss zur Residenz aus.

Das Schloss mag ja imposant sein – wirklich eindrucksvoll ist jedoch der Blick vom Schlossgarten über die Unterstadt auf den See.



Die bunten Häuser der Unterstadt schmiegen sich an den Steilhang – nachdem wir das Ganze genug von oben genossen haben, machen wir uns auf den Weg nach unten. Noch ein Blick rüber zur Kirche, vor der unser Auto steht …

Unten angekommen (wobei wir übrigens die Treppen vermieden haben und mit dem Auto gefahren sind … schließlich war unsere Parkzeit ohnehin abgelaufen!) gehen wir durch ein weiteres Stadttor in die Unterstadt. Dieses Unterstadttor ist wohl das älteste erhaltene Tor der Stadt und soll schon um 1250, im Zuge der ersten Ummauerung Meersburgs, errichtet worden sein.


Über einem Weinberg (an dem ich lieber keine Trauben lesen möchte) thront das Staatsweingut Meersburg (wo ich am folgenden Tag ein Fläschchen Bodensee Wein erstand) und daneben – ganz in Pink – das Droste-Hülshoff Gymnasium. Wie man sich bei so einer Aussicht noch auf Formeln und Vokabeln konzentrieren kann …??? Jedenfalls ist das „Schöner Lernen“ in Vollendung! Oder – wie man auf der Website der Schule lesen kann – „Das Gymnasium mit den besten Aussichten“ …

Wir bummeln nach rechts, zum Hafen, in dem im Moment nicht viel los ist. Ruhig dümpeln die kleinen Boote an ihren Tauen, Abendstimmung macht sich breit.

Aber dann  – am Himmel brummt es ganz leise: Ein Zeppelin schwebt vorbei!

Klar – hier sind wir im Zeppelin-Land! Aber eindrucksvoll ist er schon!

Und ganz unerwartet begegnen wir auch Annette (von Droste Hülshoff) hier wieder – allerdings leicht verfremdet. Im malerischen kleinen Hafen steht nämlich ein seltsames Gebilde. Was von weitem einfach wie eine Stange mit einer Vogelskulptur aussieht, ist tatsächlich weit mehr als das – nämlich die „Magische Säule“.

Der Künstler/Bildhauer Peter Lenk, von dem auch die Imperia im Hafen von Konstanz stammt, hat hier – mal wieder – ein sehr komplexes, kontroverses, aber auch enorm eindrucksvolles  Kunstwerk geschaffen.

Die Stange mit dem Vogel oben drauf schauen wir uns genauer an – und da gibt es eine Menge zu sehen! Ganz oben sitzt eine Möwe  mit dem Gesicht der Dichterin Annette von Droste-Hülshoff. Darunter der Freiherr Joseph von Laßberg, auf einem Steckenpferd – der Don Quijote vom Bodensee, der vergebens gegen die Windflügel der politischen Erneuerung anritt. Franz Anton Mesmer, der Arzt und Hypnotiseur, steht auf dem „Käfig“ seiner erbittertsten Gegner. Und Amor – in Rüstung, sein Vater war immerhin der Gott Mars – schießt seine Pfeile gen Meersburg …

Peter Lenk – seine Kunst mag nicht jeder. Er reißt den Reichen und Mächtigen in seinen Kunstwerken die Maske vom Gesicht, zeigt sie schonungslos als ganz normale Menschen und versucht, denen, die oft eher ohnmächtig sind, ein Gesicht, eine Stimme zu geben. Leider werden seine Skulpturen oft nach einer gewissen Schamfrist wieder entfernt – gelegentlich sogar verschrottet, wie die Karriereleiter“ an der landeseigenen Investionsbank in Berlin.

Die Sonne steht schon tief, wir sind hungrig – das Angebot in Meersburg ist überwältigend und sehr international. Aber es zieht uns zurück in unseren Landgasthof – zum einen, weil man dann nicht mehr fahren muss und ohne schlechtes Gewissen ein Bier oder einen Wein trinken kann. Zum anderen, weil dort die Küche regional und – wie wir später feststellen-. ausgesprochen gut ist!
Also zurück, entlang der Uferpromenade zum Auto.

Ab und zu ein Blick in kleine Seitensträßchen …


Und dann – genussvolles Genießen! Frische Pfifferlinge in Hülle und Fülle, aromatischer Bodensee-Wein – das gibt uns die nötige Bettschwere und wir schlafen wie die Murmeltiere!

Die Bodensee-Route: 

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