Gummi, Holz und Schiefer – Die Handwerker von Bilu Kyun

Die Gummiringe hatten es mir angetan! Im Reiseforum von Vivien und Ehrhard hatte Karina kurz erwähnt, dass sie von Mawlamyine aus Handwerkerdörfer besucht hatte, in denen unter anderem Gummiringe hergestellt werden.

Diese ganz normalen kleinen bunten Gummis, die Schnippelgummis, die man ständig im Haushalt verwendet. 

Noch nie hatte ich mir Gedanken darüber gemacht, wie sie wohl hergestellt werden, aber jetzt war ich total fasziniert davon, mal zu sehen, wie so was geht. 

Beim ausgedehnten Frühstück im Garten des Cinderella Hotels überlegten wir, was wir mit dem heutigen Tag so anfangen könnten. Und da fielen mir wieder die Gummiringe ein – und Jimmy! Der hatte mich ja gestern auf der Ufer-Promenade angesprochen und mir seine Telefonnummer ins Handy getippt. Und Jimmy würde sicher wissen, wie wir zu den Gummiring-Herstellern kommen könnten und hatte garantiert noch ein paar weitere Tipps auf Lager.

Ein kurzes Telefonat – dann war ausgemacht, dass Jimmy uns in einer Stunde abholen und mit uns nach Bilu Kyun fahren würde. Diese Insel ist so was wie ein gigantisches Handwerker-Reservat – viele kleine Dörfer, und jedes ist auf ein anderes Handwerk spezialisiert. 

Bilu Kyun liegt im Golf von Martaban, mit dem Meer auf der einen und dem Thanlwin River auf der anderen Seite. Bis vor kurzem war die Insel nur per Fähre zugänglich, die gewaltige Brücke über den Thanlwin River, die sie heute mit dem Festland verbindet, hatten wir vor zwei Jahren noch im Bau gesehen. Mittlerweile ist sie fertig und für die Handwerker eine gewaltige Erleichterung, denn jetzt können sie ihre Produkte wesentlich einfach vermarkten.

Überpünktlich stand Jimmy unten im Foyer, er war nicht alleine, sondern hatte einen Fahrer dabei. Warum, erklärte er uns gleich: Er hat keine Lizenz, um ausländische Touristen zu fahren! Das ist strikt geregelt hierzulande, und die Lizenzen sind nicht ganz billig. Also muss der Bruder, der eine Lizenz hat (aber kaum Englisch spricht), immer mit.

Unterwegs erklärte und zeigte uns Jimmy, woran man erkennen kann, ob jemand Touristen fahren darf oder nicht – an der Farbe des Nummernschildes am Auto! Die mit schwarzen Nummernschildern dürfen ausschließlich Einheimische an Bord haben, hellblau ist den Reiseveranstaltern und deren Busse oder Minibussen vorbehalten, die gelben Schilder gehören zu den Autos der Klöster. Und nur, wer ein rotes Nummernschild hat, hat auch eine entsprechende Lizenz  und darf Ausländer befördern!

Es ging über die schier endlos lange Brücke, dann durch eine flache Landschaft mit Gemüsefeldern. Auf Bilu Island werden nicht nur Gebrauchsgegenstände hergestellt, sondern auch viel Gemüse und Obst angebaut.


Schon nach kurzer Fahrt stoppten wir im ersten Dorf. Eine riesige Tafel am Ortseingang machte unmissverständlich klar, was hier produziert wird – Schiefertafeln!

Neben den riesigen Tafeln stehen ebenfalls riesige Griffel und in einem kleinen Lädchen gab es von der Schultafel bis zum kleinen Notiztäfelchen alles aus Schiefer, was man sich nur irgend vorstellen konnte. Die Produktion selbst konnten wir leider nicht ansehen – es war Mittagspause.

Wir wollten nicht eine halbe Stunde warten, denn es gab ja noch mehr Ziele. Zum Beispiel Ywalut – hier wird aus Holz, vom biegsamen Bambus bis zum harten Teak, alles nur Denkbare hergestellt. In den Werkstätten wird gedrechselt und gefeilt, gehobelt und geschliffen, gebeizt und lackiert. In einer Werkstatt schauen wir fasziniert zu, wie fantasievolle Pfeifen entstehen, mit prächtigen Vogelköpfen oder auch Einlegearbeiten.

Es ging über winzige Sträßchen weiter durch den Ort – und endlich waren wir dort! Bei den Gummiring-Herstellern! Nur – auch hier waren die Mitarbeiterinnen gerade in der Mittagspause! Allerdings sollten sie in 5-10 Minuten zurück sein – und bis sie kamen, führte uns der Sohn des Inhabers schon mal durch die kleine „Fabrik“.

Gleich neben dem Eingang lagen sie in großen Bergen – die fertigen Gummiringe! Wie bunte Süßigkeiten sahen sie aus und warteten darauf, sortiert zu werden.

Aber bis es so weit ist, sind eine Menge Herstellungsschritte erforderlich – und die wurden uns jetzt vorgeführt. Da waren zunächst Fässer, in denen die Latexmilch gerührt wurde. Angeliefert wird der Rohstoff nämlich in getrocknetem Zustand, als große Kautschukmatten, die zunächst verflüssigt werden müssen.

Wenn die Konsistenz stimmt, wandert die Kautschukmilch in einen ein riesiger Bottich – da ist sie noch weiß. Aber direkt daneben kommt bereits Farbe ins Spiel!


Über dem ersten Bottich schwebt ein abenteuerliches Gestell mit langen Holzstangen, die nach vier Seiten abstehen.

Gebannt schauen wir zu, was nun passiert: Ein junger Mann sitzt auf einer Art Hochstuhl, dreht dort an einem großen Rad und die Holzstöcke senken sich herunter in das weiße Becken. Das wiederholt er mit sämtlichen vier Seiten, bis alle Holzstöcke mit einer farblosen Gummischicht überzogen sind.

Danach werden die Farbbottiche ein Stück nach vorne manövriert und die Prozedur wiederholt sich – nur werden die Stöcke jetzt in die farbige Gummimischung getaucht.

Anschließend werden die Stöcke abgenommen und im Garten zum Trocknen aufgestellt.


Nach 2-3 Tagen wenn die Gummihülse durchgetrocknet ist, wird sie vom Stock abgezogen – etwa so, wie man einen Strumpf auszieht.

Die abgezogenen Hülsen werden kurz geprüft und dann ordentlich gestapelt -Jimmy (rechts im Bild) schaut dabei etwas skeptisch drein …

Er hatte übrigens extra den deutschen Gästen zu Ehren ein schickes T-Shirt angezogen …

Damit aus den Schläuchen Gummiringe werden, müssen sie jetzt noch geschnitten werden – mit ziemlich altertümlichen Maschinen!

Die Frauen bedienen die Maschine rein mechanisch mit Fußpedalen. Die geschnittenen Ringe kommen dann zur Endkontrolle – dort werden sie auf kleine Stöckchen aufgefädelt und so lange geschüttelt, bis alle unvollständigen Gummiringe herunter gefallen sind. Die guten kommen ins Körbchen, der Rest landet auf dem Boden.

Am Ende werden sie noch in große und kleine Tüten verpackt und versand- bzw. verkaufsfertig gemacht. Ein paar kleine Tüten haben wir natürlich auch erstanden.

Mehr als eine Stunde hatten wir bei den Gummiringen verbracht – Jimmy wollte uns aber noch ein anderes sehr traditionelles Handwerk zeigen: Die Hut-Herstellung! Aus alten Filmen kennt man sie – die Tropenhelme – heute sahen wir, wie sie auch heute noch von Hand gefertigt werden. Nur wenige Frauen beherrschen die Kunst, aus Holz Hüte zu machen, heute noch. Damit dieses Erbe nicht völlig verloren geht, bekommen die Frauen eine Art Rente von der UNESCO mit der Auflage, das Handwerk an junge Frauen weiter zu geben. Hier scheint das ganz gut zu funktionieren.

Schließlich besuchten wir noch eine Weberei – davon hatten wir allerdings in Myanmar bei unseren diversen Reisen schon Dutzende gesehen, so dass das hie nicht ungewöhnliches mehr für uns war. Trotzdem ist es immer wieder faszinierend, den Frauen zuzuschauen, wie sie mit diesen uralten Maschinen sehr gekonnt umgehen.

Immer wieder erstaunlich ist der Einfallsreichtum – eine Fahrradfelge kann auch als Spinnrad benutzt werden!

Auf dem Rückweg hielten wir noch an einem kleinen Café an der Strand Road, wo es wunderbaren Kuchen gibt! Mit unserer Beute zogen wir uns erst mal in unser Zimmer im Cinderella zurück und legten ein Kaffee-Päuschen ein und die Füße hoch. Und freuten uns über den tollen Blick von unserem winzigen Balkon aus.

Die Fahrt nach und über Bilu Island:

 

4 Kommentare zu “Gummi, Holz und Schiefer – Die Handwerker von Bilu Kyun

  1. Unglaublich, diese simple aber praktische Art, Gummiringe herzustellen. Hatte noch nie darüber nachgedacht. V.a. dachte ich nicht, dass man sie auf eine so traditionelle Weise herstellen kann … Merci für die spannende Info!!!

  2. Heute mal was anderes – ein sehr schöner Bericht. Wer macht sich schon Gedanken über die Herstellung von Gummis. Ich fand es superinteressant, hätte nie gedacht, daß es Leute gibt, die Gummis noch auf eine derart altmodische Weise, quasi per Hand fabrizieren. Es freut mich, daß es das noch gibt und daß die Menschen offenbar damit ein bißchen Geld verdienen können.

  3. Ne, da habe ich mir auch noch nie Gedanken drum gemacht – Danke für die ausführliche Doku!

  4. Da habe ich mir noch nie Gedanken gemacht, wie Gummiringe hegestellt werden. Eigentlich ganz einfach.
    Danke fürs zeigen.
    Viele liebe Güsse
    Erhard

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