Hals-, Arm- und Beinringe: Bergvölker um Loikaw

Eine ruhige Nacht in einem sehr komfortablen Bett, ein üppiges Frühstück, eine kurze Unterhaltung mit Swe Yi, die heute mit dem Morgenflug nach Yangon muss.

Wir geben ihr noch alle nicht mehr benötigten Medikamente, denn manches ist hier ziemlich rar. Außerdem wird unser Verbandkästchen geplündert und auch hier alles, was wir nicht mehr brauchen (hoffentlich!) für die örtliche kleine Krankenstation gespendet.

Swe Yi erwähnt noch, dass sich die älteren Frauen der Bergvölker unglaublich über Lesebrillen freuen, die gibt’s hier nur für teures Geld. Weil ich immer mindestens ein halbes Dutzend davon mit mir herumschleppe (irgendwie verliere ich die ständig), wandern drei Stück davon in den Fundus von Swe Yi.

Dann brechen wir auf – mit einem lokalen Guide wollen wir zu ein paar Bergdörfern und später noch zu den 7 Lakes fahren. Zuerst geht’s zu einem Markt, der zwar nicht mt den unglaublich farbenprächtigen Märkten in Thailand mithalten kann, aber trotzdem spannend ist.


Hier werden keinerlei Souvenirs verkauft wie auf den Märkten am Inle See, alles ist auf den Bedarf der lokalen Bevölkerung abgestimmt. Unser Guide, der sich selbst Phil nannte, kaufte einen Blumenstrauß für seine Frau.
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Ich wollte Kurkuma kaufen, das hier in goldgelben Bergen angeboten wurde, aber Phil hielt mich zurück und meinte, das, was hier verkauft wird, sei nicht wirklich gut und oft mit Mehl gestreckt. Seine Mutter habe ein Kurkuma Feld und auf dem Heimweg würden wir kurz bei ihr vorbei fahren und frisch gemahlenes Kurkuma holen.

Das klang prima – also ging’s ohne Einkäufe weiter. Vorbei an der Silberpagode, die schneeweiß und silbern auf einem kleinen Hügel am Straßenrand thront.
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Es ging weiter in die Berge, die Straße wurde staubiger, wir kamen durch einige Dörfer, wo man schon den Tourismus erahnen konnte: Am Straßenrand Stände mit Handarbeiten (Schals, Taschen, Schmuck), daneben standen ein paar Padaung Frauen, die hier allerdings Kaya heißen, mit dem üblichen Halsschmuck aus mindestens einem Dutzend schwerer Bronzeringe.

Wir fahren jedoch weiter, kommen in ein kleines Kayan Dorf, Pan Phat, wo wir uns im Dorfcenter registrieren lassen. Ein junger Mann wird als Führer und Dolmetscher für uns abgestellt und wir entrichten eine kleine Spende in die Dorfkasse. Diese Form des nachhaltigen sanften Tourismus wurde mit mehreren der entlegeneren Dörfer vereinbart, damit diese nicht von Touristen überrannt werden.
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Das Projekt nennt sich “Community Based Tourism” und die einzelnen Dörfer entscheiden selbst, wie viele Touristen zu Besuch kommen können. Verpflichtend ist dabei immer ein Guide, sowie vor Ort ein Dorfbewohner als Dolmetscher, der sowohl burmesisch als auch die jeweilige Stammessprache beherrscht.

Denn es sind nicht einfach verschiedene Dialekte, die hier gesprochen werden – es sind vollkommen unterschiedliche Sprachen!

Auf unserem Weg durch’s Dorf sehen wir eine Frau, die sich den Hals mit der schweren Bronzespirale wäscht, und fragen ob wir sie fotografieren dürfen. Sie lacht und stimmt zu!
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Neugierig will ich von ihr wissen, wie das denn so geht mit der Wascherei – und sie zeigt bereitwillig, wie sie Seifenwasser oben reingießt und dann die Ringe/Spirale heftig hin und her dreht. Sieht nicht gerade nach einer entspannten Dusche aus – aber sie scheint es zu genießen!

Ein paar kleine Jungs spielen mit einer Schleuder und zeigen uns stolz ihre selbst gebastelte Munition – kleine Tonkügelchen, in der Sonne getrocknet!
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Klar, dass auch die großen Jungs – Phil und Dieter – die Schleuder mal ausprobieren! Allerdings sind die Knirpse erheblich geschickter als die Großen!

Wir gehen weiter, hinter Phil und dem Dorfbewohner her, zu einem kleinen Hof. Der Hühnerstall ist leer …
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… und die Kinder schauen uns neugierig an.
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Eine ältere Frau begrüßt uns herzlich, lädt uns auf ihre Terrasse ein und wir sitzen bei Tee und Gesprächen eine ganze Weile einfach nur gemütlich bei ihr.
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Wir unterhalten uns über Kinder, Enkel, unser Alter – und die recht schweren Ohrringe, die sie trägt. Auch ich habe heute Ohrringe an – wir vergleichen Größe und Gewicht, es wird viel gelacht.

Ihren Lebensunterhalt verdient sie sich mit Spinnen und Weben – und obwohl das wirklich nicht erwartet wird, kaufe ich einen hübschen Schal bei ihr.

Durch den “Eintrittsbeitrag”, der gleichmäßig im ganzen Dorf verteilt wird, entfällt der Druck, Touristen empfangen und ihnen etwas verkaufen zu müssen. Wer also mal keine Lust auf Besuch hat, kann das sagen – bekommt aber dennoch etwas aus der Dorfkasse.

Wir dürfen auch noch einen Blick in die Küche werfen – und die Geigen bewundern, die einer der Enkel angefertigt hat. Im Haus hängen Hühnerfedern und –krallen an der Wand – die Kayan sind Animisten und schützen sich mit diversen Amuletten gegen böse Geister.

Wir ziehen weiter zum nächsten Haus, wo eine etwas jüngere Frau zu Hause ist.
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Auch sie webt, allerdings größere Tücher.

Auch hier wieder Geplauder – dass ich noch keine Enkel habe, erstaunt die Frau, die erheblich jünger ist als ich und schon ein Dutzend Enkelkinder hat!

Weil mich die Bronzeringe so faszinieren, gehen wir jetzt noch zu einer älteren Frau, die diese Ringe für Hals und Arme sowie anderen Schmuck anfertigt.

Konzentriert hämmert sie auf einen dicken Reifen ein, bis der immer flacher und dünner wird. Danach zeigt sie mir ein Stück eines Halsringes aus Bronze – er ist unglaublich schwer! Sie biegt ihn geschickt zu einem hinten offenen Kreis und für 1000 Kyat (ca. 0,65€) gehört der tolle, aber schwere Halsschmuck mir!

Ihre eigenen Töchter und Enkelinnen, erfahren wir, tragen die Halsringe nicht mehr. “Stell dir vor – mit so einem Schmuck auf einem Motorrad – das geht gar nicht, viel zu gefährlich!”, lacht sie. Ihr ist wichtiger, dass die jungen Frauen zur Schule gehen und einen Beruf erlernen – Traditionen sollte man schon pflegen, meint sie, aber man muss sich auch an die veränderten Zeiten anpassen.

Und da gehört dieser aufwändige und behindernde Schmuck einfach nicht mehr rein.

Noch ein wunderschön ziselierter Armreif für meine Tochter, ebenfalls für 1000 Kyat – dann ziehen wir weiter.

Auf dem Weg zurück zum Auto sehe ich einen Baum mit auberginenartigen Früchten und will wissen, was dass ist. Phil hat keine Ahnung, der junge Mann aus dem Dorf sagt, es sei ein Luffa-Baum. Luffa – das sind doch diese harten schwammartigen Dinger, die man im Drogeriemarkt für teures Geld erstehen kann?!? Klar, meint der junge Mann, damit waschen wir uns.

Nur zu gerne hätte ich so ein Exemplar – kein Problem, es wurden rasch zwei Früchte gepflückt, 200 Kyat (ca. 0,13€) für den Besitzer des Baumes hinterlegt, und ich war glücklich! So sehen die Dinger übrigens aus – einmal ungeschält und einmal geschält.
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Für uns ging’s jetzt erst mal wieder rein ins Auto und durch die Berge zurück.
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Wieder unten legten wir einen Stop bei Phils Eltern ein. Die Familie sind Christen – und die Mutter eine ganz besonders gläubige. Das war auch kaum zu übersehen – Kruzifixe überall.
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Die Mutter war leider nicht da, aber es duftete intensiv nach Kurkuma und die Wurzeln lagen in Körben und zum Trocknen ausgebreitet herum. In einem kleinen Schuppen stand eine Mühle und dort gab es das frisch gemahlene Pulver, das atemberaubend duftet!

Vater und Sohn füllten mir einen Riesenbeutel ab!
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Danach ging’s weiter, zum Kayah Dorf Htee Nee Lar Lae, in der Nähe des 7-Stufen-Sees, wo Musikinstrumente gebaut und gespielt werden und die Frauen dicke Riemen um Oberschenkel und Knie tragen.
P1180509Auch hier wurden wir wieder registriert, entrichteten 3000 Kyat “Gebühr” und bekamen eine Dorfbewohnerin zur Seite, die sehr gut Englisch sprach.

Im Dorf empfing uns eine zierliche ältere Frau in einem ausgesprochen luftigen Outfit. Sie erzählte uns, dass sie diese Kleidung das ganze Jahr über trägt, auch im Winter – da allerdings nachts mit einer Decke drüber.

Sie und ihr Mann sind Musiker und Instrumentenbauer. Wir bekommen eine kleine Vorführung – es wird gesungen und verschiedene Instrumente kommen zum Einsatz – alle selbst gebaut.

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Nach der Vorführung laufen wir weiter durchs Dorf.
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Und besuchen eine weitere Frau. Sie ist richtig gut aufgelegt und freut sich offenbar über unseren Besuch. Schnell stellen wir fest, dass wir genau gleich alt sind, auch hat sie – anders als die meisten anderen Frauen – wie ich nur zwei Kinder.

Auch sie hat die traditionelle Kleidung an, die dicken Kordeln um Oberschenkel und Knie trägt sie schon, seit sie ein kleines Mädchen war. Während sie mit den Füßen eine Art Spinnrad in Betrieb hält, erzählt sie aus ihrem Leben.

Auch meine Fragen zu den Riemen an den Beinen beantwortet sie “Unbequem sind sie schon”, gibt sie zu, “aber ohne würde ich mir nackt vorkommen …”.

Wieder bin ich erstaunt, wie offen die Frauen hier sind, wie man sich mit ihnen über kleine Alltagsdinge unterhalten kann – und auch darüber, dass manches nicht so einfach ist.

Auch hier werden die Traditionen fast nur noch von den Älteren bewahrt, im Dorf gibt es nur noch eine Handvoll Frauen, die Riemen an den Beinen tragen, der Enkel der Musikerin ist der einzige, der noch Interesse am Bau der traditionellen Instrumente hat.

Wir dürfen uns noch ein bisschen im Haus umschauen – und entdecken eine Art Ahnengalerie und ein eindeutig christlich motiviertes Plakat.
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Hier hat man keinerlei Probleme, zweigleisig zu fahren – Animismus und Christentum schließen sich nicht aus!

Um die Ecke wird schwer gearbeitet – ein dicker Balken wird zersägt! Einer steht oben, einer unten und die Säge wandert unaufhörlich rauf und runter.

Wir erfahren, dass der Lehrer ein Haus bauen will – und weil er der ranghöhere der beiden ist, steht er oben …

Unser Guide will wissen, ob wir noch mit einem Ochsenkarren fahren wollen –klar wollen wir das! Ein Ochsenpaar wird angeschirrt.
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Wir klettern etwas unbeholfen hinten rein – keine Sitze, keine Polsterung, nur eine Strohmatte auf dem Karrenboden. Und dann geht’s los!
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Zunächst noch gemächlich und relativ angenehm die Dorfstraße entlang.
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Dann biegt der Kutscher jedoch ab auf ein Feld und es beginnt ein etwa 15-minütiger Höllenritt, der Karren holpert, schwankt, schüttelt und rüttelt – echt nichts für Menschen, die älter sind und deren Kreuz nicht mehr unbegrenzt flexibel ist!
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Schließlich kommen wir völlig entnervt an einem See an –und vergessen die Strapazen fast sofort.
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Es ist der letzte der 7 Seen, die alle miteinander verbunden und glasklar sind. Wir rasten ein bisschen, es gibt hier eine Art Bar, wo wir sogar eine kalte Cola bekommen – der Fleck ist ein sehr beliebtes Ausflugsziel für die Locals! Die Ochsen dürfen mal kurz ins Wasser – dann geht’s fast ebenso holprig wieder zurück ins Dorf.
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Dort werden wir schon sehnsüchtig erwartet – es sind noch en paar französische Touristen angekommen, die ebenfalls mit dem Ochsenkarren fahren wollen!
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Wir sortieren unsere Knochen, steigen ins wesentlich komfortablere Auto und fahren zurück zur Loikaw Lodge.
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Die Stimmung am See ist magisch, das Licht, die Farben …
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Getoppt wird das alles nur noch von einem fantastischen Essen mit sehr süffigem Rotwein vom Aythaya Weingut. Das Weingut liegt bei Taunggyi und wurde von Pfälzern gegründet und bis heute bewirtschaftet – das erklärt auch die Rebsortenauswahl, denn “Dornfelder” kennen vermutlich nur Pfälzer und er wird auch, soweit ich weiß, nur dort angebaut.

Jedenfalls fühlten wir uns wie zu Hause – und bedauerten sehr, dass wir morgen schon abreisen müssen …

Aber schon jetzt wissen wir –Loikaw und seine Umgebung gehört zu den schönsten Ecken Myanmars und wir sind sehr froh, dass wir unsere Route kurzfristig ändern und Loikaw besuchen konnten. Schade nur, dass es nur knappe 2 Tage waren, denn wir hätten sehr gerne noch viel mehr gesehen!

3 Kommentare zu “Hals-, Arm- und Beinringe: Bergvölker um Loikaw

  1. Hallo Renate,
    Bin jetzt etwas verwirrt. Bist Du nochmal in Myanmar?
    Liebe Grüsse in die weite Welt
    Doro

    • Wir sind schon lange wieder zurück, aber ich bin einfach nicht dazu gekommen, die Reise im Blog abzuschließen!
      Nachdem wir inzwischen bereits in Schottland sind, hab ich mich entschlossen, die letzten Tage Myanmar erst mal aufzuschieben und über den Inle See und den Ngapali Beach später zu berichten.
      Jetzt genießen wir erst mal sonnige, aber kühle Tage im Nordwesten von Schottland!

  2. Sehr schöne Bilder und sehr interessanter Bericht. Irgendwann kommen wir auch mal nach Myanmar 👍

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