Schottisches Wunder!

Unsere Wirtin wackelte bedenklich mit dem Kopf. „If it’s as hot as yesterday“, meinte sie, „it will most likely rain the whole following day!“

Gestern war es „hot“ – 24°C, für die Hebriden schon fast extrem heiß. Heute war es nicht nur ziemlich kühl, knapp 13°C, sondern außerdem neblig, es goss aus Kübeln und die Aussichten waren – naja, eben schottisch…

Das muss man sich erst mal mit einem schottischen Frühstück ein bisschen schön futtern (wobei wir auf black pudding und Haggis gerne verzichten) und dann einfach optimistisch bleiben!

Schließlich hatten wir Regenklamotten und waren im Auto außerdem vor allen Wetterkapriolen geschützt – ganz anders als die zahlreichen Radler, die wir unterwegs sahen.P1210475

Es ist absolut unglaublich, welche Unmengen von Radler in Schottland unterwegs sind! Auf dem Festland genauso wie auf den Inseln – sie kämpfen sich durch starken Regen, heftigen Wind, Straßen wie Achterbahnen … Was daran Spaß macht, geht irgendwie über meinen Horizont. Aber ich gehöre ja (leider) ohnehin eher zur Kategorie Couch Potato!

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Die Strecke von Stornoway zur Westküste war jedenfalls nichts, was ich heute mit dem Rad gerne machen würde. Auch wenn es hier – ausnahmsweise – mal relativ eben war.

An der Westküste angekommen, wurde es ein bisschen heller. Genug, um die eher tristen Häuser zu erkennen und die üppigen Butterblumenwiesen ringsherum.

Schon an den Häusern kann man die gewaltigen Unterschiede der einzelnen Hebriden Inseln erkennen. Hier, im alleräußersten Nordwesten Schottlands, führt die calvinistisch geprägte Church of Scotland ein strenges Regiment. Alles, was Spaß macht oder auch nur ein bisschen überflüssig ist – wie bunte Farbe oder fröhlich weiß-gekalkte Fassaden – ist verpönt.

Grau ist hier die Devise – und heute spielt sogar das Wetter mit!

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Außerdem ist Sonntag!!! Und das heißt hierzulande, dass praktisch ALLES!!! zu ist! Es gibt kein Benzin, außerhalb von Stornoway sind alle Restaurants, Cafés, Pubs, Geschäfte geschlossen. Und selbst in Stornoway gibt es nur eine Handvoll offener Restaurants.

Früher fuhren nicht mal Fähren am Sonntag, das hat sich vor ein paar Jahren allerdings geändert, so dass man heute auch sonntags an- und abreisen kann. Mancherorts sind aber immer noch sogar die Spielplätze verschlossen, die Schaukeln mit Ketten gesichert, damit ja niemand auch nur ein bisschen Spaß hat!

Das heißt aber nicht, dass die Natur sich diesem Diktat beugt! Auf dem Weg zum Leuchtturm am Butt of Lewis kommen wir an einem winzigen Sandstrand in einer ebenso winzigen Bucht vorbei, wo der Sand trotz Regen golden ist, das Wasser türkis leuchtet und die Felsen mit saftig-grünem Rasen überzogen sind! Macht richtig Spaß!

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Trotzdem bleibt es erst mal ziemlich nass und düster.

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Aber nur wenige Minuten später, als wir am Leuchtturm ankommen, geschieht eines dieser schottischen Wunder! Der Regen hört auf, die Wolken reißen auf und die Sonne kommt raus!

Das gefällt nicht nur uns, sondern auch einem modernen Diogenes, der zwar noch etwas zweifelnd aus seiner “Tonne” herausschaut, aber sich dann doch ziemlich über den Wetterumschwung freut!

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Mit so ‘nem bisschen Sonne sieht die dramatische Felsküste gleich nochmal toller aus!

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Der Leuchtturm ist da fast schon Nebensache …

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Aber er ist natürlich doch ziemlich eindrucksvoll!

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Minuten später regnet es schon wieder, Nebel zieht in irrer Geschwindigkeit herein. Als wir ein paar Kilometer weiter östlich am kleinen Hafen Port of Ness ankommen, geht ein Wolkenbruch runter. Die Küste versinkt im Nebel.

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Da sitzt man am besten einfach nur im Auto – direkt vor einem heute geschlossenen Café! – und wartet ein bisschen. Auf ein weiteres schottisches Wunder.

Und das kommt dann auch – der Nebel verzieht sich, die Sonne kommt raus und wir sehen den selben Strand, das selbe Meer jetzt in Technicolor!P1210523

Auch der kleine Hafen wirkt jetzt deutlich freundlicher!

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Auch wenn es wenig später wieder regnet – wir wollen jetzt doch noch ein Stück nach Süden fahren. Zwischen immer wieder heftigen Schauern, Nebel und ein bisschen Sonne kommen wir nach Arnol. Dort steht ein uraltes Blackhouse – aber heute ist Sonntag, es ist geschlossen. Von außen sieht man nicht viel mehr als Mauern und Strohdach.

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Anders ist es in Gearrrannan. Dort stehen ein paar Blackhouses , die zu einem Dorf gruppiert sind. Inzwischen sind sie allerdings zu Ferienhäusern umfunktioniert worden.

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Immerhin bekommt man eine Ahnung, wie so ein Dorf früher ausgesehen hat – obwohl damals keines der Häuser Fenster hatte! Licht kam – wenn überhaupt – nur durch die Tür, es war also ziemlich düster da drinnen – daher der Name.

Jetzt setzte der Regen allerdings in der Dauerversion ein. Die Standing Stones von Callandish fallen den Wassermassen zum Opfer – allerdings hatten wir sie ja schon beim letzten Besuch 2015 angeschaut. Also zurück nach Stornoway.

Dort hatten wir schon gestern einen Tisch in einem der wenigen Restaurants gebucht, die heute – Sonntag! – geöffnet haben. Außer dem Royal Hotel sind es fast ausschließlich Hotelrestaurants und ein paar chinesische und indische Lokale.

Ein Sonntag auf den Hebriden ist definitiv eine sehr ruhige Angelegenheit!

Die Regen-Sonne-Nebel Fahrt von heute:

Ein Kommentar zu “Schottisches Wunder!

  1. Interessant, daß der calvinistische Einfluß immer noch so stark ist, das hätte ich nicht gedacht! Das heutige Wetter paßt übrigens perfekt zum strengen, abweisenden Wesen dieser Spielart des Puritanismus 😉

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