22. August – Liebe auf den zweiten Blick: Trondheim

Dass uns Trondheim nicht auf den allerersten Blick gefällt, liegt an unserem Hotel. Oder besser – an dessen Lage!

Erwartet hatten wir kunterbunte Holzhäuser an stillen Kanälen, einen verträumten Hafen mit kleinen Booten – stattdessen sind wir in einem eher nüchternen Hafenareal gelandet. Bis wir begreifen, dass sich das aber noch als Glücksgriff herausstellt, dauert es schon ein bisschen.

Und es dauert auch mehr als ein bisschen, bis wir überhaupt erst mal in Trondheim sind!

Denn sich vom Scandic Seilet loszureißen, fällt schwer. Immer wieder ein letztes Mal auf den Balkon, den freien Blick genießen … Zwar hatten wir uns für ein frühes Frühstücksfenster angemeldet, um zeitig los zu kommen, das wollten aber offenbar noch eine Menge andere ebenfalls – jedenfalls ist es extrem voll heute morgen und überall bilden sich Schlangen. Auch am Aufzug, in den – je nach Größe der Kabine – nur 2-4 Personen einsteigen dürfen, dauert es fast 10 Minuten, bis wir endlich befördert werden.

Heute haben wir eine – für Norwegen – recht lange Strecke vor uns, mit Brücken und Fähren. Die erste Brücke lässt nicht lange auf sich warten – mit mehr als 1,5km Länge ist die Gjemnessundbrücke zur Insel Bergsøya auch ziemlich lang.Bergsøya ist eine ziemlich felsige Angelegenheit, die Straße ist an vielen Stellen förmlich aus dem Felsen gehauen.Runter von der Insel geht’s dann auf einem kleinen „blauen Wunder“, der Bergsøysundbrua, nur wenige Meter über der Wasseroberfläche.
Wir hüpfen noch ein bisschen weiter über Inseln und Halbinseln, bis es nicht mehr auf 4 Rädern weiter geht. In Kanestraum geht es auf die Fähre nach Halsa, dabei überqueren wir eine Provinzgrenze und kommen von Møre og Romsdal nachTrøndelag. Sehr voll sind die Fähren derzeit alle nicht, auffallend ist jedoch, dass es neben Fahrzeugen mit norwegischen Kennzeichen fast ausschließlich nur noch deutsche gibt, andere Länder sind so gut wie nicht vertreten. Vor allem die Wohnmobile und Wohnwagen kommen überwiegend aus Deutschland. Fähr-Überfahrten sind immer wieder toll – man steht an der Reeling und lässt die eindrucksvolle Landschaft an sich vorbeiziehen. Zumindest wir machen es so – die Einheimischen verschwinden gerne im „Salon“ und genehmigen sich einen Kaffee oder eine Wurst. So leer ist es hier meist nur kurz nach dem Start oder vor der Landung.Norwegens Straßen sind in der Regel recht gut – die kleineren allerdings nicht immer. Und Geschwindigkeitsbegrenzungen bremsen einen immer wieder aus – mit mehr als ca. 60km pro Stunde sollte man bei der Routenplanung wirklich nicht rechnen. Außerdem muss man auch viele Stopps einplanen – die Landschaft will nicht nur im Vorbeifahren genossen, sondern auch immer wieder mal richtig erlebt werden. Landesweit sieht man die putzigen kleinen Bus-Wartehäuschen – ökologisch korrekt mit einer Grasmütze. Warum sind sie bei uns immer so fürchterlich steril??? Die letzte Strecke bis Trondheim verläuft überwiegend durch Waldgebiete, teils dichtere, teils schon fast steppenartige, mit niedrigem Bewuchs. Als wir nach Trondheim hinein fahren, sind wir zunächst richtig enttäuscht. Industriegebiete, ein ziemlich nüchterner Hafen, eine riesige Baustelle vor dem Hotel, im Hafenbecken. Auch mit den auf der Website des Clarion gepriesenen „fantastischen Blicken auf den Trondheim Fjord und die Fosen Alpen“ ist es erst mal nix – vom Zimmerfenster aus haben wir lediglich einen Blick auf den Parkplatz! Das ließ sich allerdings schnell ändern – wieder runter zur Rezeption und gleich gab es ein Zimmer mit Hafenblick.

Wobei der Blick durch eine ziemliche Merkwürdigkeit allerdings stark eingeschränkt ist: Das gesamte Hotel bzw. die Fenster sind mit einer Art Folie überzogen, schwarze Punkte an der Scheibe erschweren die Durchsicht enorm! Und das Hotel wirkt von außen, als habe man einen Sehfehler, so verschwommen wirken die Konturen! Das Wetter sieht zwar nicht sonderlich vielversprechend aus, aber wir machen uns mal auf den Weg in die Stadt.
Zu allererst natürlich zur Gamle Brybo, der legendären alten Brücke über die Nidelva. Schon auf dem Weg, kurz hinter dem Bahnhof, sehen wir dann die ersten bunten Häuser an einem Kanal – aus Holz sind allerdings die wenigsten.Die Holzvarianten gibt es wenig später an den Ufern der Nidelva – zuerst von der Gamle Brybo aus, später beim entlangwandern am Ufer. Nur – die alte Brücke ist eine herbe Enttäuschung! Die markanten roten Torbögen, die der Holzbrücke ihren Charme verleihen, sind komplett eingerüstet, auch der Rest der Brücke ist durch Bauarbeiten und Absperrungen stark beeinträchtigt.

Bleibt also nur der Blick nach unten und vorne …Und dann ein gemütlicher Spaziergang durch die malerischen Gassen von Bakklandet.

Hier wimmelt es von Kneipen und Cafés, netten kleinen Geschäften – und alles ist gut besucht!

Auf einem kleinen Platz steht ein überdimensionales Radio aus Beton, gewidmet dem Sänger, Kabarettisten, Radiomoderatoren und Widerstandskämpfer Otto Nielsen, dessen Skulptur oben raus schaut. Links neben dem Denkmal, an der Straße, ist eine weitere Kuriosität zu sehen – der weltweit erst und einzige Fahrradlift! Die rote Säule ist der Startpunkt, von dort geht es 120 m bei einer Steigung von ca. 20% bergauf. Leider konnten wir den Lift nicht in Aktion sehen – aber hier seht ihr, wie’s geht!

uns geht’s zu Fuß weiter, zurück über die Brücke und zum legendären Nidaros Dom. Das bedeutendste Heiligtum Norwegens steht hier seit Mitte des 12. J., bis 1906 wurden hier die norwegischen Könige gekrönt.

Unmittelbar neben dem Dom steht das erzbischöfliche Palais. Hier ist gerade eine Ausstellung von Frauenportäts zu sehen.

Viele, vor allem junge, Menschen sitzen, wandern und stehen rings um den Dom. Eine Gruppe in Tracht fällt besonders auf. Ich komme mit ihnen ins Gespräch und erfahre, dass das Wintersemester gerade begonnen hat und diese Gruppe neue Mitglieder für eine Musikgruppe sucht. Sie studieren Bergbau, Geologie und Mineralogie und tragen die traditionelle Tracht der Bergarbeiter.

Das ehemalige Waisenhaus, direkt gegenüber vom Dom, ist heute Sitz des Domprobstes.So langsam bekommen wir Durst – es ist inzwischen warm und zunehmend sonniger geworden. Vom Domgarden zieht  sich die Prinsens Gate schnurgerade bis zum Marktplatz, dem Torget.Auch hier wieder wunderschöne alte Häuser und üppigster Blumenschmuck, der in fast allen Städten auffällt.

In unzähligen Cafés und Kneipen rings um den Torget genießen die Trondheimer den sonnigen Samstagnachmittag. Leider gibt es allerdings auch Schattenseiten zu sehen – eine Ausstellung in der Fußgängerzone zeigt erschütternde und beklemmende Fotos aus der Zeit der Nazi-Besatzung Norwegens.

Wir müssen auf diese beschämenden Zeugnisse erst mal was trinken… Auch wenn man draußen sitzt, wird hier penibel auf Abstand geachtet und ohne Händedesinfektion kommt man nicht hinein.

Langsam geht’s anschließend Richtung alter Fischereihafen. Wären wir etwas früher dran, könnten wir hier wunderbaren Fisch essen – jetzt hat das Lokal jedoch bereits zu. An den Fischereihafen schließt sich ein kleiner Yachthafen an.Für uns wird es allmählich Zeit, was in den Magen zu bekommen – also geht’s zurück zum Torget, vorbei an bzw. durch eine weitere Fußgängerzone, die mit bunten Schirmen geschmückt ist. Auf dem Boden informieren Plaketten über einen studentischen Friedensmarsch.Im wunderschönen und sehr romantischen Stiftsgården steht eines der größten Holzgebäude Skandinaviens, seit 1906 die offizielle Residenz des norwegischen Königs, wenn er Trondheim besucht. Lustig und schön gleichzeitig ist, dass etliche der dekorativen Gewächse essbar sind! An der Frauenkirche vorbei kommen wir zum Torget, dort gibt es eine große Auswahl von Lokalen, wo man draußen sitzen kann.

Auch wenn es mittlerweile Abend geworden ist, ist es immer noch sehr warm – 23° behauptet die Wetter App! Heute gibt es – dem Wetter angemessen! – spanische Tapas, sehr lecker und mal was anderes! Nur die scharfe Soße über den Patatas bravas hätte nicht sein müssen – lieber als Dip daneben!Im Abendlicht wandern wir heimwärts, immer wieder verzaubert von alten Häusern.

Am Hauptbahnhof überqueren wir die Kanalbrücke, danach geht’s auf Treppen und Stegen über die Gleise und hinüber zum Hafen.

Vieles hätten wir heute vermutlich gar nicht gesehen, wenn unser etwas abgelegenes Hotel uns nicht zu einem ausgedehnten Fußmarsch gezwungen hätte! Denn ursprünglich wollten wir in Bakklandet wohnen – wer weiß, ob wir dann so viel herum gewandert wären. Mittlerweile haben wir uns in die Studentenstadt Trondheim richtig verliebt und freuen uns darauf, sie morgen noch etwas näher erkunden zu können!

Die heutige Fahrt:

Ein Kommentar zu “22. August – Liebe auf den zweiten Blick: Trondheim

  1. Was habt ihr doch für ein Glück mit dem Wetter 👍 wir kommen und gehen dauernd, d.h. einige Tage mal in der Schweiz – wieder zurück nach Hause. Heute kommen wir nach 3 Tagen vom deutschen Untersee zurück weil’s Wetter schon wieder schlecht geworden ist. Übrigens sah man am Bodensee außer DE und CH praktisch keine anderen Toeuristen. Im Hotel waren wir die einzigen Schweizer. Ein Holländer kam dann noch später dazu. Na ja etwas gutes haben wir doch auch noch, es wird in unserem Kanton nicht so streng Masken getragen, da musste ich mich in DE doch sehr überwinden. Weiterhin eine schöne Reise und bin gespannt wie es weiter geht, unser Fernziel in Norwegen war auch Trondheim 😊🙋‍♀️

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.

%d Bloggern gefällt das: