6./7. März – Fast daheim: In Heidelberg

Eigentlich wollten wir den letzten Tag dieser Reise in Johannesburg verbringen und uns auch die Stadt anschauen. Zum Beispiel mit dem Hop On Bus, den wir auch in Kapstadt genutzt hatten.
Nur – der fuhr zur Zeit nicht, auch alle sonstigen Touren in der Stadt waren – wenn überhaupt – nur sehr eingeschränkt verfügbar, und zudem gab es momentan auch noch irgendwelche Unruhen.

Also keine optimalen Voraussetzungen …

Und da unser Flug erst am Abend ging, hatten wir wenig Lust, den Tag im Hotel zu verbringen. Deshalb suchten wir für die letzte Übernachtung vor dem Heimflug nach einer Alternative, nicht allzuweit entfernt vom Flughafen. Und stießen auf – HEIDELBERG!!!!

Das gibt es in Südafrika gleich zweimal – einmal am Rande der Karoo und in einer deutlich größeren Version nur eine knappe Fahrstunde von Johannesburg entfernt. Auch von unserer heutigen Station war die Fahrt nach Heidelberg nicht sonderlich lang – genug Zeit also für ein ausgedehntes Frühstück und ein ebenso ausgedehntes Schwätzchen mit Jennifer.

Und was sie uns zu erzählen hatte, war durchaus bemerkenswert! Denn Jennifer Ormond-Brown und ihr Mann Digby sind nicht einfach irgendwelche Schotten, die die Wärme Südafrikas der schottischen Kälte vorgezogen und deshalb ausgewandert sind. Nein, Jennifer ist eine geborene Murray aus dem weitverzweigten schottischen Murray Clan. Digby ist Mitglied der Transvaal Scottish Regimental Association und Standartenträger des Duke of Atholl. Und dieser Herzog wiederum ist Oberhaupt des Murray Clans, also mit Jennifer verwandt, und hatte Jennifer und Digby Glen Ormond House als Wohnsitz überlassen..

Das Pikante an dieser Geschichte ist allerdings, dass die Herzöge von Atholl, denen das wunderschöne Blair Castle in der Nähe von Pitlochry gehört, schon seit vielen Jahrzehnten gar nicht mehr in Schottland, sondern in Südafrika leben! Einmal jährlich, zum Geburtstag der Queen, muss allerdings der halbe Murray Clan von Südafrika nach Schottland, um zum einen der Queen die Reverenz zu erweisen und zum anderen ihre Ansprüche auf Schloss und Land weiterhin aufrecht zu erhalten (wobei das Schloss längst dem National Trust übereignet wurde). Auch Jennifer und Digby sind deshalb jedes Jahr im Juni in Schottland.

Nachdem wir das alles erfahren hatten, war der Vormittag schon weit fortgeschritten und wir brachen endlich auf. Bei allerschönstem Sommerwetter fuhren wir zunächst so lange wie möglich auf Nebenstraßen Richtung Norden.

Beim Ausräumen des Autos hatten wir unsere selbstgebastelten schwarzen Abdeckungen des weißen(!) Armaturenbretts entfernt, deshalb spiegelte es jetzt wieder dermaßen, das Fotografieren durch die Windschutzscheibe kaum möglich war.

Die Straßen waren weitgehend leer, nur ab und zu parkten Fahrzeuge am Straßenrand, weil in einem Dorf ein Gottesdienst stattfand oder ein Reifen gewechselt werden musste.

Genau in dem Moment, als es Zeit wurde für einen Kaffee-Stop, tauchte am Straßenrand ein Schild auf:

Wir landeten in einer kleinen Oase mit absolut fantastischem Kaffee, verführerischem Kuchen und Scones – und Biltong hätten wir dort auch in bester Qualität bekommen können! Man kann dort locker längere Zeit abhängen – und die Toiletten findet man ebenfalls leicht, denn sie sind klar (und eindeutig richtig!) ausgeschildert! 😉

Schließlich ging es weiter. Vorbei am malerischen Naturschutzgebiet Sterkfontein Dam, einer ausgedehnten Seenlandschaft, die vor allem vielen Vögeln eine Heimat bietet.


Ab Harismith nahmen wir dann die N3, mit zunehmend stärkerem Verkehr. Schon am frühen Nachmittag erreichten wir Heidelberg.

Obwohl es noch vor der Eincheckzeit um 15 Uhr war, versuchten wir unser Glück bei der Heidelberg Kloof Lodge, denn wir wollten unser Gepäck los werden. Und wie so oft in Südafrika war es absolut kein Problem, früher einzuchecken. Lindi, die junge Dame an der Rezeption, war dermaßen nett und hilfsbereit, dass uns das schnell über die gespenstische Leere der Anlage hinweg tröstete. Ganz offensichtlich waren wir die einzigen Gäste in dem weitläufigen Areal, das aus 10 Doppel-Cottages an einem kleinen See besteht.

Als wir vorsichtig das Thema „late checkout“ am folgenden Tag anschnitten (unser Flug ging ja erst um 19:40 Uhr und zum Flughafen waren es nur gut 45 MInuten) meinte sie sofort, das sei absolut kein Problem, wir könnten so lange bleiben, wie wir wollten! Das klang doch prima – jetzt wollten wir aber erst mal einen Kaffee trinken und uns ein bisschen in unserer Zwillingsstadt umsehen.

Die kann allerdings mit dem Original, unserer Heimatstadt, nur sehr bedingt mithalten. Sie hat zwar ein ziemlich stattliches Rathaus …

Auch die Kirche ist absolut eindrucksvoll.


Und selbst die Volksschule ist wirklich malerisch!


Das war’s dann aber auch schon so ziemlich. Die Innenstadt war eher trist, nur in den Seitenstraßen gab es viele hübsche kleine Häuschen, alle von großen Gärten umgeben. Sehr lange konnte man das Sightseeing allerdings nicht ausdehnen, ziemlich schnell war das meiste gesehen. Wir hatten inzwischen Hunger und wollten heute nochmal ein letztes richtig leckeres südafrikanisches Essen mit gutem Wein genießen.

Tja – da hatten wir aber leider nicht mit einer südafrikanischen Besonderheit gerechnet, mit der wir schon einmal, in Jeffreys Bay, konfrontiert worden waren! In vielen kleineren Orten haben die allermeisten Restaurants am Sonntag Abend zu!!!!!! Wo der Tourismus keine wirklich große Rolle spielt, gibt es am Sonntag zwar einen üppigen Lunch, aber abends wird nicht mehr gekocht, da haben Köche und Servicepersonal frei….

So nett das für die ist, so schlecht war das für uns, denn wir hatten sehr auf einen wirklich schönen kulinarischen Abschluss unserer Reise gehofft. Auf Fastfood hatten wir gar keine Lust, Lindi empfahl uns deshalb als einzige Alternative ein Steaklokal in einem Einkaufszentrum.

Und so verbrachten wir unseren letzten Abend auf der Terrasse eines Lokals mitten in einem Einkaufszentrum, immerhin mit Blick über die Stadt, bei Steak und Pommes. Gar nicht mal sooo schlecht, begleitet von erstaunlich gutem Wein – aber das ist hier ja schon fast selbstverständlich.

Der nächste Morgen war da kulinarisch schon fast wieder ein Highlight – Lindi hatte für uns einen üppigen Frühstückstisch gedeckt und kochte uns ein richtig gutes Frühstück! Danach stand noch eine letzte Aufgabe bevor – unser völlig verdrecktes, schlammbespritztes, verstaubtes Auto musste dringend vor der Rückgabe noch gewaschen werden. Ein Autowäscherei war schnell gefunden, die netten Betreiber versprachen, dass unser Wagen innerhalb einer Stunde wie neu sein würde! (Wobei hier ausschließlich in Handarbeit gewaschen wird – Waschanlagen wie bei uns gibt es nirgendwo.)

Inzwischen wollten wir uns doch nochmal ein bisschen in der Stadt umsehen. Unser erster Weg führte uns nochmal zum Rathaus. Im Oktober 2006 war nämlich die Oberbürgermeisterin der Stadt ins deutsche Heidelberg gekommen und hatte dort mit unserer damaligen Oberbürgermeisterin Beate Weber einen Freundschaftsvertrag  geschlossen. Beate Weber wurde damals zur Ehrenbürgerin des afrikanischen Heidelberg ernannt, eine Ehre, die sie nur mit Nelson Mandela teilt. Dieter hatte irgendwo gelesen, dass ein Bild unserer ehemaligen Oberbürgermeisterin Beate Weber im Rathaus hängen sollte. Das wollte er gerne sehen.

Vor dem Rathaus lümmelten sich mehrere Menschen auf Stühlen und Bänken. Ich erkundigte mich bei ihnen, ob man einfach so ins Rathaus rein konnte und erklärte, dass wir aus Heidelberg in Deutschland kommen. Tja – und dann nahm das Schicksal seinen Lauf und wir wurden Opfer einer Naturgewalt namens Lizzy.

Lizzy arbeitet im Rathaus, das – wie sie uns erklärte – gar nicht mehr das Rathaus ist, sondern mittlerweile das Gesundheitsamt. Und da ist sie zuständig für …. na ja , irgendwie alles. Auch für Besucher – zumindest dann, wenn der zuständige PR-Mensch nicht auffindbar ist, obwohl sie (mit uns im Schlepptau) laut nach ihm rufend durch die Gänge lief.

Da er nicht auffindbar war (und Lizzy absolut fasziniert davon war, dass wir tausende Kilometer gereist waren, um ihre Stadt zu besuchen), nahm sie uns kurzentschlossen unter ihre Fittiche, schnappte sich die Autoschlüssel und erklärte, sie zeige uns jetzt die Stadt. Jeglicher Widerstand gegen dieses Energiebündel war vollkommen zwecklos, wir schafften gerade noch, ihr eindringlich klar zu machen, dass wir heute noch einen Flieger erreichen mussten – dann saßen wir auch schon in ihrem kleinen weißen Auto und sie kurvte mit uns durch die Stadt.

Wild gestikulierend zeigte sie uns diverse historische Häuser und schleppte uns schließlich in ein hübsches Kolonialgebäude, in dem  der Gründer der Stadt, der Deutsche Heinrich Julius Friedrich Ueckerman eine Zeitlang gewohnt haben sollte. So richtig klar wurde das allerdings nicht – obwohl sie sogar einen pensionierten Arzt auftrieb, der uns einen ziemlich langen und verworrenen Überblick über die Stadtgeschichte gab und unseren Besuch sichtlich genoss.


Nach einer weiteren hektischen Runde durch die Stadt gelang es uns schließlich, Lizzy davon zu überzeugen, dass wir 1. unser Auto aus der Wäscherei abholen mussten und 2. Gefahr liefen, unseren Flug zu verpassen, wenn sie uns nicht schleunigst wieder beim Rathaus ablieferte. Äußerst ungern gab sie schließlich nach, nicht ohne uns das Versprechen abzuringen, dass wir beim nächsten Besuch mehr Zeit mitbringen.

Unser Auto war mittlerweile auf Hochglanz gebracht, wir waren mehr als reif für eine Pause und folgten der Empfehlung der Autowäscherei Betreiberin, im Dorphuiswinkel einzukehren.


Das war ein echter Volltreffer – ein wunderbar versponnener Laden mit allerlei Schnickschnack und einem idyllischen Innenhof, wo man gemütlich sitzen, den freilaufenden Hennen zusehen und hausgemachte Limonade trinken konnte.

So gestärkt kehrten wir zurück in die Kloof Lodge, denn mittlerweile war es schon Nachmittag geworden und wir wollten den Late Checkout nicht überstrapazieren.

Die Fahrt nach Johannesburg war wirklich nur ein Hüpfer und verlief schnell und glatt. Deutlich schwieriger war es, in Flughafennähe im Gewirr der mehrspurigen Stadtautobahn eine Tankstelle zu finden, denn der Wagen musste vollgetankt zurück gegeben werden. Aber auch das war schließlich erledigt, und anders als die Übernahme des Wagens in Kapstadt war die Rückgabe hier eine Sache von 3 Minuten! Weder interessierte sich der junge Mann dafür, dass im Mietvertrag ein völlig anderer Wagen stand als der, den wir zurück gaben, noch, dass der Mietvertrag schon seit Tagen abgelaufen war. Denn natürlich hatte man uns nie den versprochenen Folgevertrag per Mail übermittelt (Zur Erinnerung – in Südafrika ist die Autoanmietung auf 30 Tage begrenzt, will man ein Auto länger mieten, muss man zwischendurch einen Folgevertrag bekommen. Wir hatten zwar in Deutschland für die gesamte Zeit gebucht und auch bezahlt, bei der Übernahme in Kapstadt hieß es, man werde uns nach 30 Tagen den Folgevertrag per Mail schicken – was aber nie geschah.)

Viel zu früh waren wir also beim Check-in, keiner der Schalter war besetzt, aber es stand bereits eine lange Schlange davor. Es dauerte noch fast eine halbe Stunde, bevor endlich die Schalter öffneten – danach ging es dann aber recht flott. Allerdings war an der Sicherheitskontrolle nur ein einziger Schalter geöffnet, dort staute es sich gefühlt endlos.

Schließlich landeten wir dann aber doch in der Lounge und verbrachten dort die nächsten beiden Stunden halbwegs komfortabel und mit Blick aufs Vorfeld.


Kurz nach 19 Uhr wanderten wir Richtung Gate und saßen wenig später in der B747-8 der Lufthansa.


Heute hatten wir Plätze in der letzten Reihe der kleinen Kabine des Oberdecks, die bis auf den letzten Platz gefüllt war. Schon vor dem Start wurde der Begrüßungschampagner serviert und die Schlafhemden verteilt.

Später gab es ein recht gutes Essen (wobei mich vor allem der Nachtisch begeisterte!), dazu wieder diverse Weine aus Südafrika und schließlich etliche Stunden wirklich guten Schlaf.

Kurz nach 6 Uhr landeten wir in Frankfurt – bei gefühlt arktischen Temperaturen. Hinter uns lagen 6 wundervolle Wochen südafrikanischer Sommer, und wir hofften jetzt einfach mal, dass der Frühling im hiesigen Heidelberg auch bald richtig beginnen würde (was er dann auch tat!)
Und irgendwie hatten wir das Gefühl, dass wir zwar zum ersten, aber nicht zum letzten Mal in Südafrika gewesen waren!

Die letzten Strecken von den Midlands über Heidelberg bis Johannesburg:

3 Kommentare zu “6./7. März – Fast daheim: In Heidelberg

  1. Habe Eure Reise von Anfang bis Ende mit grossem Interesse verfolgt, da Euer „Weg“ durch Südafrika Vieles in schönen Bildern und Texten gezeigt hatte, das wir in 1992 in diesem großen und großartigen Land -die vielfältigen Probleme lasse ich hier ausgeblendet – nicht gesehen hatten. Unser recht abenteuerlicher „Weg“ hatte uns damals von Johannesburg nach Venda , von dort in den Krügerpark, später nach Durban geführt. War noch zur Apartheitzeit mit bürgerkriegsähnlichen Unruhen nach der Ermordung von Chris Hani, einem charismatischen Führer des damals noch für die Freiheit und Gleichheit kämpfenden ANC.
    Jedenfalls Dank für den großartigen Reisebericht.

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