2. Juli – Emanzipation, starke Pferde und höfisches Leben

Lady Eleanor Charlotte Butler und Sarah Ponsonby waren beide nicht besonders hübsch, aber hoch gebildet und nicht bereit, sich in einer Zwangsehe oder im Kloster unter zu ordnen.

1778 gelang ihnen, was manche Frauen auch heute noch nicht schaffen – sie setzten durch, frei und selbstbestimmt so zu leben, wie sie es wollten.

So weit es damals überhaupt möglich war, entzogen sie sich den Konventionen, kauften gemeinsam in Llangollen ein Haus und lebten dort zusammen. Im 18. Jh. ein unerhörter Bruch mit sämtlichen Konventionen!

Künstler, Adlige und Politiker gingen bald dennoch bei ihnen ein und aus, sie wurden in ganz Britannien bekannt als die „Ladies of Lllangollen“.

Auch wir besuchten sie – bzw. ihr Haus, allerdings begnügten wir uns mit einem Blick von außen und einem Streifzug durch den Garten – es war nämlich noch recht früh am Morgen.


Das malerische Fachwerkhaus steht ziemlich hoch oben am Hang über Llangollen – man hat einen begnadeten Blick auf die Umgebung und den gegenüberliegenden Berg mit der Ruine der Burg Dinas Bran

Uns zog es allerdings schon bald wieder hinunter an den Fluss bzw. den Kanal – hier werden die schmalen Narrowboats nämlich traditionell nicht mit Maschinen- sondern mit Pferdekraft den Kanal entlang gezogen!

So ein Spektakel wollten wir uns nicht entgehen lassen. Und – falls möglich – selbst mit einem durch 1 PS angetriebenen Boot fahren.

Also wieder runter in die Stadt, über die Brücke und auf der anderen Seite wieder hinauf.

Denn der River Dee fließt zwar – wie die meisten Flüsse – unten auf der Talsohle, der Kanal, auf dem die schmalen Narrowboats verkehren, verläuft jedoch am Hang entlang.

Noch ging es sehr geruhsam zu an der Station, ein paar motor-betriebene Privatboote tuckerten vorbei, man trank seinen Morgen-Tee gemütlich in der Sonne. Dann erschien Herkules auf der Bildfläche: Der stämmige Hengst sollte das erste Boot den Kanal entlang ziehen.

Wir entrichteten den Fahrpreis von 7 £, stiegen ins Boot ein (und hatten Glück, ganz vorne noch einen Platz zu finden), dann ging’s los. Herkules trottete sichtlich entspannt den Treidelpfad entlang, unser Boot an der langen Leine hinter ihm her.

Selten habe ich eine Bootsfahrt so genossen! Es war einfach wunderschön – vollkommen lautlos, ohne Motorengetucker, glitt das Boot langsam durchs Wasser, die Sonne, gefiltert durch Bäume und Büsche, malte flirrende Muster auf’s Wasser, Entspannung pur. Außerdem hatten wir Glück – unser Boot war nur mäßig besetzt.

25 Minuten glitten wir stromaufwärts, dann wurde Hektor umgeschirrt und es ging zurück. Inzwischen hatte sich nicht nur der Treidelpfad deutlich belebt, Wandergruppen waren unterwegs. Auch auf dem Kanal war nun mehr los – es gab sogar Gegenverkehr!

Nach 45 Minuten war die Fahrt vorbei. Noch ein kurzer Besuch bei den Dampflocks, wo die Waggons eben geputzt wurden. Und das sah eindeutig mehr nach ziemlich viel Spaß als nach schwerer Arbeit aus 😉Wir wollten ein letztes Mal ein Schloss besuchen, Chirk Castle. Auf dem Weg kamen wir an einer Art Parkplatz für Narrowboats vorbei, der Chirk Marina. Dutzende bunter Boote lagen dort vor Anker.

Jetzt ging es aber wirklich zügig Richtung Schloss. Die ausgedehnte Burganlage des Chirk Castle stammt aus dem 12. Jh.

Ein letztes Mal nutzten wir unseren Cadw-Ausweis für einen kostenlosen Eintritt, denn netterweise kooperieren hier der National Trust und der Cadw. Vom Parkplatz aus war es noch ein ganzes Stück zu Fuß bis zur Burg, die auf einem Hügel thront.

Anders als alle anderen Burgen ist dies keine Ruine, sondern völlig intakt und hat sogar verglaste Fenster, denn sie ist die einzige Burg in Wales, die bis ins 20. Jh. ständig bewohnt war. Seit dem Mittelalter bewohnte die Familie Myddleton die Burg, erst seit 1946 ist sie nicht mehr bewohnt (vermutlich waren die Heizkosten für die riesigen hohen Räume nicht mehr bezahlbar 😉 )

Trutzige Türme – aber ein heller, freundlicher Innenhof …

Die Innenräume zeugen von vergangener Pracht, aber auch einigem Komfort.Von hinten wirkt das Schloss wie die Kulisse für einen Märchenfilm – Rosen und Efeu rankten sich an den Mauern empor…


Uns war jetzt nach Garten – der natürlich ein veritabler Park ist! Perfekt angelegt, perfekt gepflegt, genau der richtige Ort für einen Sommer-Sonntag-Nachmittag! Entsprechend voll war es auch – aber auf dem riesigen Gelände verliefen sich die Besucher doch ziemlich.Man konnte hier einfach nur in einem Liegestuhl faulenzen, den Duft der Blumen genießen, nach versteckten Skulpturen Ausschau halten, kreuz und quer herum schlendern – einfach den Tag genießen! Was wir auch ausgiebig taten – aber dann doch weiter zogen, zum nächsten Highlight.

Gestern hatten wir den längsten und höchsten Aqueduct Großbritanniens besucht, heute wollten wir einen weiteren sehen, der parallel zu einem Viaduct für die Eisenbahnlinie erbaut wurde und die Grenze zwischen England und Wales überspannt und zudem in einem Tunnel mündet – den Chirk Aqueduct.

Weil hier auch auf der anderen Seite des Wassers nicht sofort der Abgrund begann, sondern Platten lagen, war das mulmige Gefühl bei der Überquerung nicht ganz so groß wie gestern. Also pilgerten wir hinüber und überquerten dabei die Grenze zwischen England und Wales.

Auf der anderen Seite verschwand der Kanal in einem Tunnel, der jeweils nur von einem Boot durchfahren werden konnte. Entsprechend staute es sich vor dem Eingang.

Von hinten rückte bereits wieder Nachschub an …

Unser Auto stand auf der anderen Seite, wir mussten also wieder rüber – und warfen einen letzten Blick zurück.

Und noch einen durch Buschwerk auf die Gesamt-Konstruktion.

Es ging zurück nach Llangollen – und nachdem wir völlig überraschen einen Parkplatz ergatterten, gab es dort Tee und Welsh Cake in der Sonne bei der Brücke.

Danach gab es ein allerletztes Mal heute nochmal Wasser – dieses Mal eher aus der Ferne, weil wir doch schon etwas abgekämpft waren und wenig Lust hatten, den Berg erst hinunter und später wieder hinauf zu kletter. Die malerischen Horseshoe Falls sind ein beliebter Picknick Platz – entsprechend voll war es dort.

Grillduft hing in der Luft, Rauchschwaden stiegen empor – eine echte Idylle! Die Fälle werden durch ein Wehr erzeugt – das Wasser des River Dee wird teilweise um- und in den Kanal geleitet, denn hier beginnt der Llangollen Kanal.

Damit wir auch wirklich alle Highlights der Umgebung gesehen hatten, fuhren wir noch ein winziges Stückchen weiter, zur Valle Crucis Abbey. Aber hier galt eindeutig „Wer zu spät kommt …“, denn um 17 Uhr war Schluss mit Besichtigen. Wir mussten uns also damit begnügen, vom benachbarten Campingplatz ein paar Blicke zu erhaschen.

Jetzt war aber wirklich Schluss! Wir hatten riesigen Hunger, denn der sonst übliche Nachmittagstee war heute etwas kärglich ausgefallen. Welsh Cakes sind eher etwas groß geratene Plätzchen, kein Kuchen.

Aber da in Llangollen kein Mangel an Futterplätzen herrscht und unsere Wirtin uns mit Tipps eingeeckt hatte, wurden wir schnell fündig – und rundum satt!

Die heutige Sightseeing-Route:

Ein Kommentar zu “2. Juli – Emanzipation, starke Pferde und höfisches Leben

  1. wunderbare Beschreibungen aus England- vielen Dank, wir kommen gerade von einem vierwöchigen Aufenthalt aus Frankreich zurück, Sibylle und Erwin

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